Berlin : Tödlicher Rauch im Treppenhaus

Keine Leitern, keine Durchsagen: Überlebende Mieter in Moabit machen der Feuerwehr Vorwürfe. Die verweist auf Sprachprobleme

Jörn Hasselmann

Acht Menschen starben beim Brand ihres Hauses in der Moabiter Ufnaustraße – nun gibt es eine Diskussion über den Einsatz der 150 Feuerwehrleute. „Es gab Sprach- und Mentalitätsprobleme“, sagte Feuerwehrchef Albrecht Broemme gestern, „nicht alle haben verstanden, was wir gesagt haben.“ Schon die ersten Notrufe seien kaum verständlich gewesen. Den Vorwurf mangelnder Sprachkenntnisse wiesen andere Hausbewohner empört zurück. Tatsächlich sprachen vor allem die Kinder und Jugendlichen, die gestern vor dem Haus standen, gut deutsch, die Älteren zum Teil kaum.

Feuerwehrchef Broemme sagte, dass den Familien, die an Fenstern und auf Balkonen standen und um Hilfe riefen, mit Megafonen zugerufen worden war, dass sie dort bleiben sollen, die Feuerwehr werde sie an der Wohnungstür in Empfang nehmen. Der 25-jährige Georgio K., der im zweiten Stock wohnte, widersprach der Darstellung der Feuerwehr. „Es gab keine Megafone“, sagte der Grieche. „Wir mussten betteln, dass sie sich um uns kümmern.“ Mieter warfen mit Blumentöpfen von den Balkonen, um auf sich aufmerksam zu machen – das bestätigt auch die Feuerwehr. Eine 15-Jährige sprang in Panik aus einem Fenster im vierten Stock und wurde schwer verletzt.

Das Feuer habe sich schnell durchs Treppenhaus ausgebreitet, sagt die Feuerwehr. Schon 15 Minuten nach ihrem Eintreffen war es gelöscht, bis zum zweiten Stock waren die Treppen verbrannt. Fünf Leichen lagen im Treppenhaus, drei in einer Wohnung, deren Tür zum Treppenhaus geöffnet worden war. Die Familien Q. aus dem Kosovo und F. aus Polen hatten die Türen geöffnet, um durchs Treppenhaus zu flüchten. „Keiner hat es geschafft, keiner konnte es schaffen“, sagte Broemme. Unklar ist, ob die beiden Familien vor Eintreffen der Feuerwehr die Türen öffneten, deren Anweisungen nicht gehört oder nicht verstanden hatten.

Sprungtücher seien nicht verwendet worden, weil Bäume und eine Baustelle den Zugang erschwerten. Broemme bestätigte, dass auch mehrere Drehleiterwagen zur Bergung der Menschen nicht eingesetzt worden seien. Dies hätte angesichts der vielen betroffenen Wohnungen zu lange gedauert, hieß es. Die Taktik der Retter dagegen: Erst die Flammen löschen, dann mit so genannten Fluchthauben (einer Art Gasmaske) die Personen durchs Treppenhaus in Sicherheit bringen. Aus Erfahrung wissen die Helfer, dass bei Treppenhausbränden die Türen den Flammen standhalten. Diese Erfahrung bestätigte sich gestern. Die Flammen konnten sich nur durch eine Wohnungstür im zweiten Stock durchfressen und einen Teil der Wohnung zerstören, die anderen hielten stand. In diese Wohnungen sei nicht mal Rauch eingedrungen. Die frühere Ausländerbeauftragte Barbara John schlug vor, dass die Feuerwehr Sicherheitshinweise mehrsprachig auf Tonband aufnehmen und an Unglücksstellen abspielen könnte. Für Broemme ist das nicht praktikabel: „Wir wissen nicht, welche Nationen im Haus wohnen.“

Polizei und Feuerwehr klagten, dass sich schon Minuten nach Ausbruch des Feuers eine große Menge von 80 bis 100 Personen vor dem Haus versammelte. Polizeivizepräsident Neubeck sagte, dass der Einsatz dadurch behindert worden sei. Den Hauptvorwurf, dass die Feuerwehr zu langsam arbeitet, kennen die Retter seit langem. So behauptete der 25-Jährige Georgio K. „eineinhalb Stunden“ auf dem Balkon auf Hilfe gewartet zu haben. Kann nicht sein, sagt die Feuerwehr, etwa 15 Minuten nach Eintreffen war das Feuer gelöscht. So sei anschließend die Familie aus dem Dachgeschoss unversehrt durchs Treppenhaus ins Freie gebracht worden. „Wer in Not ist, dem kommen fünf Minuten vor wie eine Stunde“, sagte Broemme.

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