Tourismus : Sag mir, wo die Gäste sind

Kommen nun weniger Reisende nach Berlin oder nicht? Die Tourismusbranche ist von der Statistik irritiert - und lässt nun prüfen, ob die Vermietung privater Ferienwohnungen im großen Stil legal ist.

Jörn Hasselmann
Tourismus
Sommerfrische. Touristen vor dem Bundeskanzleramt. -Foto: dpa

Die Zahl der Reisenden in Berlin ist wesentlich größer, als von der Statistik erfasst wird. Das ist am Tag nach den ernüchternden Zahlen zum Berlin-Tourismus bekannt geworden. Neben den 17 Millionen Übernachtungen in Hotels und Pensionen soll es pro Jahr 750 000 Übernachtungen in privat angebotenen Ferienwohnungen geben. Diese überraschend hohe Zahl nannte gestern der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, Thomas Lengfelder. „Das ist für uns eine Konkurrenz“, sagte Lengfelder. Und da sich diverse Hoteliers über diese Konkurrenz beklagt hatten, gab der Verband eine Studie in Auftrag. An der statistischen Erfassung vorbei floriert offensichtlich die Vermietung mehrerer Tausend Wohnungen über professionell organisierte Internetportale.

Der Hotelverband hat nun Juristen beauftragt, zu prüfen, ob die Vermietung im großen Stil legal ist. So soll es im Regierungsviertel zwischen Wilhelm- und Leipziger Straße Wohnblöcke geben, die zu großen Teilen als Ferienwohnungen inseriert werden. Berliner Hoteliers ärgern sich vor allem, dass diese Vermieter sich alle für Hotels vorgeschriebenen Sicherheitsstandards sparen können, weil die Blöcke als normale Mietshäuser gelten. So bieten verschiedene Agenturen und Portale im Internet zwischen 200 und 1600 Ferienwohnungen in Berlin an – die meisten in Mitte und in der City-West.

Wie gestern berichtet, hat der Berlin-Tourismus im ersten Halbjahr erstmals seit langem einen Dämpfer bekommen – was die Zahl der Hotelgäste angeht. Die Zahl der Fluggäste steigt dagegen rasant weiter. Wie Flughafensprecher Eberhard Elie gestern sagte, gab es im Juli ein Plus von 7,2 Prozent. In den ersten sieben Monaten wurden eine Million mehr Passagiere abgefertigt als im Vorjahreszeitraum. Dagegen hatte die Tourismus-Gesellschaft am Donnerstag von einem Rückgang bei den Buchungen deutscher und ausländischer Touristen berichtet. Nach Angaben von BTM-Chef Hanns Peter Nerger ist die Zahl der Flugpassagiere aus der Schweiz um 19 Prozent im Juni gestiegen. Bei den 97 000 Hotelbetten sank dagegen die Zahl der Schweizer in diesem Zeitraum um 21 Prozent. Dies sei „irritierend“.

Dem Vernehmen nach soll die Zahl der Ferienwohnungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Beim Statistischen Landesamt werden sie nicht erfasst, dort müssen nur Hotels und Gasthäuser mit mehr als acht Betten ihre Gäste melden. „Schamlos“, so ein Hotelier, sei, dass große Ferienwohnungen mit zehn und mehr Betten angeboten werden. Die Preise sind deutlich billiger als in Hotels. Dabei sind diese im internationalen Vergleich preiswert: Folge des Überangebotes. Ein Preisvergleich der BTM ergab für 4- und 5-Sterne-Häuser im Jahr 2007 durchschnittlich 138 Euro für das Zimmer. In Paris, London und Mailand waren es 300 bis 350 Euro.

Der allergrößte Teil der Berlinbesucher schläft jedoch bei Freunden und Bekannten. Eine Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr (dwif) ergab für 2006 etwa 25 Millionen Übernachtungen in Privathaushalten. Jeder der knapp zwei Millionen Haushalte in Berlin hatte demnach an 13 Tagen im Jahr Logiergäste. Nach der Studie des dwif gaben die Privatgäste 850 Millionen Euro in Berlin aus, in Kneipen und Kaufhäusern. Zum Vergleich: Die „offiziellen“ Touristen brachten 3,1 Milliarden in die Stadt.

Immer mehr Berliner Schlafsofas werden zudem gratis im Internet angeboten – auf Plattformen wie couchsurfing.com, place2stay.net oder hospitalityclub.org. Alle Vereine basieren auf dem Prinzip, dass sich die Mitglieder gratis beherbergen. Beim 1999 gegründeten Club „couchsurfing“ gibt es 600 000 Mitglieder in 200 Ländern. In Deutschland sind über 41 000 Mitglieder registriert, die deutsche Couchsurfer-Hauptstadt ist eindeutig Berlin. Berlin ist nach Angaben der Organisation auch eines der gefragtesten Ziele weltweit. Der „Hospitality Club“ hat allein in Berlin 6000 Mitglieder. Ha

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