Berlin : Trachtenträger versus Technotänzer

Wowereit und Stoiber zeigen die wahren Unterschiede unter den Deutschen

Elisabeth Binder

Kurze Lederhosen, rotfreundliches Gesicht, Gamsbart am Trachtenhut: „Willst mal trinken?“, fragte der kernige Bayer die Passantin und hält ihr seine dreiviertelvolle Maß entgegen. Die Gemütlichkeit kriegt von den hunderten Männern und Frauen, die da auf den Bierbänken im Löwenbräu-Zelt vor dem Roten Rathaus sitzen und manchmal auch schunkeln, gerade ihr ungefähr 20. „Prosit“ dargeboten. „Nein, danke.“ „Willst vielleicht mal kneifen?“, fragt er weiter und klopft einladend auf seine strammen Oberschenkel, während sich im Hintergrund der Ochsen dampfend am Spieß dreht.

Nur wenige Meter entfernt vom sinnlich-ländlichen Auftakt zum bayerischen Oktoberfest feiert Berlin im Roten Rathaus bei dem seit dem Regierungsumzug etablierten Hoffest urbanen Lebensstil mit Cabaret, Kleinkunst, Breakdance. In den Rathaus-Katakomben ist ein Club entstanden mit Sitzwürfeln, schräg altmodischen Sofas und einer Tanzfläche, die sich zu gemäßigtem Techno-Sound rasch füllt mit Trägern von gut geschnittenen Designer-Anzügen und Frauen im kleinen Schwarzen. Viele tanzen allein, auch die Paare berühren sich kaum. Die Tänzer sind auch nicht jünger als der Trachtenträger gegenüber, (teils kommen sie aus Ministerien), und ihren verspielten Armbewegungen sieht man an, dass sie sich genauso gut amüsieren. Wo die Gespräche wegdriften vom Politischen, bekommt Berlin Komplimente an diesem Abend: „Die Stadt ist wirklich nicht so schlimm, wie alle immer tun.“ Die viel beschworene Toleranz steckt auch Wolfratshausener Wimpel mit der Aufschrift „Heilige Maria, beschütze Tracht und Hoamat“ lässig weg.

Auf die Trachtenträger und die Technotänzer wartet um Mitternacht ein gemeinsames Hochglanzmagazin, in dem die bayerische und preußische Feierkultur ausgiebig dokumentiert wird. Klaus Wowereit spricht darin von „festlicher Souveränität“ in Wahlkampf-Zeiten.

In seinem Rathaushof und den Katakomben darunter sieht man viel cooles Schwarz, im Festzelt überwiegend Trachtenjacken und Dirndl. Dort werden die Peitschenknaller bejubelt, hier hat sich der Steuerfahnder aus „Pomp Duck and Circumstance“ Gedanken zum Wahlkampfduell gemacht. Natürlich bedienen die urbane und die eher ländliche Folklore Klischees, aber sie bebildern auch aufs Zünftigste den Unsinn, kulturelle Unterschiede vor allem zwischen Ost und West ausmachen zu wollen, wo sie zwischen Nord und Süd, zwischen Stadt und Land doch so beträchtlich sind. Das mal deutlich zu zeigen, wenn auch vor allem den Meinungsführern aus Wirtschaft, Kultur und Politik ist ein Verdienst, das sich Wowereit und (hoffentlich gern) auch Stoiber ans Jackett heften dürfen. Dass die beiden einen unterschiedlichen Partygeschmack haben, davon darf man wohl ausgehen. Mit den Parallel-Feten der Länderrepräsentanzen haben sie immerhin einen guten Ansatz gefunden, der gern Schule machen und auf ertragreichere Felder übergreifen darf: auf die Politik jenseits von Feierabend und Small Talk.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben