• Trauer und Anteilnahme: Gebete für die Toten und die Täter - Zweiter Trauergottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale

Berlin : Trauer und Anteilnahme: Gebete für die Toten und die Täter - Zweiter Trauergottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale

Christine-Felice Röhrs

"Trauer in Deutschland", sagt Kardinal Sterzinsky leise und lässt dann die Stille in der Kirche wirken über dem Satz, seinem Einleitungssatz zum ökumenischen Gottesdienst. In der St.-Hedwigs-Kathedrale in Mitte fand dieser gestern statt, als zweite, spontane Trauerfeier nach der ersten im Berliner Dom am Dienstagabend, dem Abend der Katastrophe. Mit "Trauer in Deutschland" schließt der Berliner Erzbischof auch jede seiner Passagen. Abwechselnd mit Wolfgang Huber, dem evangelischen Bischof in Berlin und Brandenburg, leitet er den Gottesdienst.

Die Kirche ist voll. Etwa 800 Menschen sind hier, am Eingang mussten sie Pass- und Taschenkontrollen über sich ergehen lassen und hatten doch Glück, dass sie noch hineingekommen sind. Weitere 2000 Besucher müssen draußen stehen bleiben auf dem Platz mit den Pfützen, im Wind, der um die Kirche pfeift. Sie gehen nicht weg, nachdem die Kirchentür sich vor ihnen schließt. Sondern reden miteinander über New York, Alte, Junge, Touristen, Berliner.

Drinnen sind auch die Politiker: der Kanzler, neben ihm Wolfgang Thierse, dann Johannes Rau. Auch der amerikanische Botschafter Daniel Coats, der mit leisem Applaus begrüßt worden ist. Guido Westerwelle, Angela Merkel, Norbert Blüm, Heiner Geißler, Julian Nida-Rümelin, Rezzo Schlauch, Hans Eichel. Dass sie hier sind, ist nicht nur Politiker-Pflicht, man sieht es. Klaus Wowereit starrt lange blicklos auf einen Punkt. Christina Rau hält über weite Teile der Feier die Augen geschlossen. Renate Künast blinzelt Tränen weg.

Einige bleiben entgegen der Liturgie die ganze Zeit stehen, als Zeichen der Achtung. "Mein Gott, was die für eine Angst gehabt haben müssen", flüstert einer. Vielleicht läuft auch in seinem Kopf diese Szene noch einmal ab: Ein Mensch, der sich verzweifelt aus dem hundertsten Stock wirft, weil über ihm die Decke ächzt und kreischt und in Brocken herniederstürzt, sein Körper, der wie in Zeitlupe fällt, sich überschlagend in der Luft. Sein Aufprall ... dissonant setzt die Orgel ein, alles zuckt zusammen, ein Nachhall des New Yorker Schreckens.

"Auch ich kenne beide Gebäude, das World Trade Center und das Pentagon", erinnert sich Bischof Huber. Er habe noch vor Augen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die Menschen dort bewegt hätten. "Und in die Selbstverständlichkeit hinein nun dieser Einbruch, dieser Abbruch." Hilflos und ungläubig klingt auch der Bischof noch. Aber, und das sagt er nun mit erhobener Stimme: "Es gibt keinen Glauben, auf den man sich berufen kann für ein solches Verbrechen." Es müsse endlich Schluss sein damit, dass sich Fundamentalisten auf die Unterschiede zwischen den Religionen berufen, um Blut zu vergießen. "Die Unterschiede dürfen uns nicht trennen." Die Lehre aus den Ereignissen müsse nun sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, auch und vor allem, wenn sich in den kommenden Tagen der Verdacht erhärte, dass die Täter im muslimischen Bereich zu suchen seien.

"Besonnenheit" wünscht sich gleich darauf auch Kardinal Sterzinsky, mit einem langen Seitenblick auf die Politikerbänke. "Hoffentlich verführt uns die Trauer nicht zum Fluchen". Stattdessen fordert er zu Gebeten für die Opfer auf, die Toten, Verletzten, deren Angehörige und Freunde. Aber auch für Täter. "Damit auch die zur Einsicht kommen." Mit einem gemeinsamen Vaterunser endet der Gottesdienst, die Prominenten samt Bodyguards gehen zuerst.

Draußen warten immer noch die, die vorhin nicht hineingekommen sind. Sie haben nichts gehört, denn aus technischen Gründen war die Übertragung nach außen nicht möglich. In so viele erwartungsvolle Gesichter schaut Kardinal Sterzinsky, als er nach der Feier vor die Tür tritt, da geht er der Menge vorweg zurück in die Kathedrale. Und beginnt spontan einen zweiten Gottesdienst. Mit den Worten: "Trauer in Deutschland."

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