Berlin : Traurige Helden in Wedding

Förderung gestrichen: Für Berlins bekanntesten Kiezläufer gibt es kein Geld mehr

Kirsten Wenzel

Sie waren der Stolz des Bezirks. Mit ihren blauen Anoraks und Schirmmützen gehörten Werner Blesing und Peter Menasse seit 2002 fest ins Weddinger Straßenbild: Zwei charismatische Kerle auf Volkes Augenhöhe, das Herz auf dem rechten Fleck und für jede Situation den richtigen Spruch parat. Als die ersten „Kiezläufer“ beschützten sie Kinder auf dem Schulweg, schauten Müllsündern auf die Finger und schlichteten Konflikte in der multikulturellen Nachbarschaft. Sie haben damit Schule gemacht: Ihr Erfolg, das Vertrauen, das sie im Kiez genossen, hat sie in ganz Deutschland bekannt gemacht. Kaum ein Fernsehsender, der nicht in den letzten Jahren seine Reporter nach Wedding schickte. Auch der Tagesspiegel berichtete.

Kiezläufer gibt es inzwischen in vielen Bezirken. Nun könnte aber Schluss sein mit dem „Traumpaar“ von der Soldiner Straße. Wie Petra Patz-Drüke, Referentin des Bezirksbürgermeisters, gegenüber dem Tagesspiegel erklärte, sieht man im Bezirk Mitte keine Möglichkeit, Werner Blesing ab dem 31. März weiter zu bezahlen. Die Bundesanstalt für Arbeit, von der die Stelle des Endfünfzigers in den vergangenen Jahren als so genannte Strukturanpassungsmaßnahme finanziert wurde, hat Ende letzter Woche definitiv eine weitere Förderung abgelehnt. Eine andere Möglichkeit, ihn weiter zu beschäftigen, etwa aus Mitteln des Ordnungsamtes, schließt man im Bezirksamt aus. Es gebe ja schon die „Kiezstreifen aus dem Stellenüberhang“.

Peter Menasse, Anfang 40, ist fassungslos: „Noch vor kurzem hieß es, unsere Stellen seien bis Ende 2006 sicher.“ Rund um die Soldiner Straße, in der Stephanus-Kirche und im Kindergarten in der Koloniestraße werden jetzt Unterschriften gesammelt und Protestbriefe geschrieben. „Viele hoffen, dass es vielleicht doch weitergeht.“ Die Leiterin der Carl-Kraemer- Grundschule, Christine Frank-Schild, sieht das nüchterner: „Ein herber Schlag. Aber so geht es im sozialen Bereich: Auf persönliche Kontinuität käme alles an – und dann ist auch das erfolgreichste Projekt nur befristet.“

Ratlosigkeit herrscht im Quartiersmanagement Soldiner Straße: „Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Allein soll Menasse aber auf keinen Fall laufen, das ist zu gefährlich“, sagt Quartiersmanager Reinhard Fischer. Menasses Stelle wird aus dem Projekt „Soziale Stadt“ finanziert. Kiezläufer im Soldiner Kiez werde es auch in Zukunft geben, heißt es aus dem Bezirksamt, nur ohne Werner Blesing. Das Quartiersmanagement kann das nicht beruhigen.

Blesing hat in der letzten Woche Post bekommen, von der Bundesagentur für Arbeit. Er könne wieder als Altenpfleger arbeiten. Seinen Job sollen in Zukunft andere machen. Sein Kollege Menasse will aber nicht ohne ihn gehen. Und Blesing schüttelt nur enttäuscht den Kopf: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, und jetzt kann der Mohr gehen.“

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