Treptow-Köpenick : Wowereits Selbstdarstellung beim Bezirksbesuch

Bei Klaus Wowereits Bezirksbesuch in Treptow-Köpenick dominierte die Selbstdarstellung, nicht der Austausch mit den Bürgern.

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An der Achse des Bösen. S-Bahn-Chef Peter Buchner (Mitte) und ein Mitarbeiter erklären Klaus Wowereit im Werk Grünau die gängigen Schadensprüfverfahren. Foto: Jens Kalaene/dpa
An der Achse des Bösen. S-Bahn-Chef Peter Buchner (Mitte) und ein Mitarbeiter erklären Klaus Wowereit im Werk Grünau die gängigen...Foto: dpa

Nach der vierten Station seines Bezirksbesuchs in Treptow-Köpenick sagt Klaus Wowereit, was er von der Stadtteiltour mit Pressegefolge mitnimmt: Berlins Regierender Bürgermeister redet von „Begegnungen“ und „Eindrücken“, davon, wie schön es ist, mal wieder „nah dran“ zu sein. Kurz zuvor war Wowereit tatsächlich einmal nah dran gewesen: Da hatte der Künstler Jürgen Draeger, der Wowereit wie einen Freund in seinem Atelier auf dem alten AEG-Werksgelände in Oberschöneweide begrüßte, Wowereit gebeten, seine – Draegers – Willy-BrandtPortraits zur Eröffnung des BBI in Schönefeld ausstellen zu dürfen. Wowereit hatte daraufhin von den Bildern geschwärmt. Allein: Die Bitte könne er nur an die zuständigen Stellen weitergeben.

Wie Draeger geht es an diesem Tag vielen, denen Wowereit auf dieser zehnten seiner zwölf Tagestouren durch die Berliner Bezirke begegnet: aufmerksames Verständnis ja, verbindliche Aus-, Ab- oder Zusagen nein. Manchmal driftet Wowereit dabei ins Flapsige. Als eine Auszubildende der Berlin Chemie AG bei einem Gespräch Wowereits den Unterrichtsausfall an Berliner Schulen beklagt, rutscht Wowereit ein „Naja, als Schüler hat man doch eigentlich gern mal frei“ heraus. Selbstverständlich beantwortet er die Frage nach dem mangelnden Schulbildungsniveau danach noch ernsthaft, referiert über Krankenstand und neue Stellen, aber konkret auf die Belange der Azubis, die von ihrer zumeist in Berlin erlebten Schulzeit ein lebhaft schlechtes Bild zeichnen, kann Wowereit nicht eingehen – er sei ja nicht Bildungssenator.

Dass Wowereits Besuche über den Werbeeffekt für Gast und Gastgeber hinaus einen Nutzen haben können – dann nämlich, wenn politische Ziele und reale Umstände spürbar in Konflikt geraten – deutet sich wenig später an gleicher Stelle an. Wowereit blickt ins Rund der gut 50 Auszubildenden, fragt „Hat hier irgendjemand einen Migrationshintergrund?“, erntet Schweigen und bringt damit Azubi-Betreuerin Ellen Redlich in Erklärungsnöte. „Die Besten setzen sich eben durch, und das sind meist die ohne Migrationshintergrund“, sagt Redlich, was Wowereit zu der Nachfrage animiert, ob Berlin Chemie auch schonmal an Kreuzberger und Neuköllner Oberschulen Azubis zu rekrutieren versucht habe.

Ansonsten passiert wenig – was auch daran liegt, dass im Gegensatz zu früheren Bezirkstouren weniger die Diskussion mit Bürgern als vielmehr eine Leistungsschau des Bezirks auf der Tagesordnung zu stehen scheint. Ein Treffen des Regierungschefs mit örtlichen Initiativen gegen Rechtsextremismus ist nicht öffentlich, ansonsten gleicht die Tour meist einem großformatigen Messebesuch: Wowereit lässt sich bei der Hochschule für Technik und Wirtschaft am Wilhelminenhof eine akustische Kamera, Hautalterungsexperimente an Hefezellen und ein Aggregat zur Speicherung von Solarenergie vorführen, wirft bei Berlin Chemie einen Blick auf die Produktion und lässt sich im S-Bahn-Ausbesserungswerk Grünau den Unterschied zwischen Ultraschall- und Wirbelstromprüfverfahren für Radschäden erklären. Kritische Töne in Richtung Berliner S-Bahn? Fehlanzeige. Stattdessen nutzt Wowereit den Termin, um von Bahnchef Rüdiger Grube mehr Mittel für den Regionalverkehr zu fordern.

Was am Ende des Tages bleibt? Klaus Wowereit hat sich geduldig die Sorgen und Wünsche diverser Personen und vor allem Institutionen angehört. Jeder Bitte um verbindliche Aussagen ist er dabei entkommen, zumeist mit einem Witz. Vor der Presse hat er warme Worte für einen Bezirk gefunden, dem er „hohes Entwicklungspotenzial“ sowie einen „hohen Freizeitwert“ bescheinigt.

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