Berlin : Türkischer Haftalltag: Mit 40 Gefangenen in einem Schlafsaal

Thomas Seibert

Am 20. März soll in Türkei der Strafprozess gegen die 18-jährige Berlinerin Andrea R. beginnen, die vor zehn Tagen auf dem Flughafen Izmir als mutmaßliche Drogenkurierin festgenommen worden war. In Ihrem Gepäck wurden sechs Kilogramm Heroin gefunden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, sie habe als Mitglied einer Drogenbande im Januar versucht, das Rauschgift nach Deutschland zu schaffen, sagt ihr Anwalt Ülkü Caner. Bei einer Verurteilung drohen ihr sechs bis 15 Jahre Haft. Die junge Frau selbst beteuert, nichts von dem Heroin in ihrem Gepäck gewusst zu haben. Anwalt Caner schließt nicht aus, dass sich das Gerichtsverfahren bis ins kommende Jahr hinein hinziehen könnte - zumindest so lange muss Andrea R. im Buca-Gefängnis bei Izmir bleiben.

Nach Angaben ihres Anwalts musste die Frau die ersten Nächte in der Haft auf einer Matte auf dem Boden verbringen, doch inzwischen hat sie einen Platz in einem der dreistöckigen Etagenbetten gefunden. Jetzt muss sie sich an den Alltag in einer türkischen Haftanstalt gewöhnen. Dazu gehört das Leben in einem großen Schlafsaal mit etwa 40 Mitgefangenen, unter denen auch Schwerverbrecherinnen sind.

"Von Diebstahl bis Mord ist dort alles vertreten", sagt Anwalt Caner über die Schlafsaal-Genossinnen. Doch inzwischen fängt seine Mandantin nach Einschätzung des Anwalts an, sich mit dem Leben hinter türkischen Gefängnisgittern zu arrangieren. Im Schlafsaal gibt es einen Fernseher; zudem können sich die Frauen in einem großen Gemeinschaftssaal aufhalten, in dem auch gekocht und gegessen wird, sagt Caner, der als Vertrauensanwalt des deutschen Generalkonsulats in Izmir den Fall übernahm und die Berlinerin inzwischen mehrmals in der Buca-Haftanstalt besucht hat. Außerdem können die Frauen auf dem Hof des Gefängnisses frische Luft schnappen.

Natürlich habe Andrea R. manchmal Probleme mit der ständigen Anwesenheit so vieler fremder Frauen, sagt der Anwalt, doch mit dem Leben in einer Einzelzelle ohne jeden Kontakt wolle sie dennoch nicht tauschen. Während sich die Berlinerin allmählich mit dem Leben in Buca zurecht findet, freut sie sich auf den Besuch ihrer Mutter und ihrer Schwester, die Anfang nächster Woche ins Gefängnis nach Izmir kommen wollen.

Auch das deutsche Generalkonsulat kümmert sich um Andrea. "Unter den Umständen" gehe es der jungen Frau psychologisch gut, sagt Caner.

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