Berlin : Turnvater David

Der Amerikaner David Kirsch ist für die Fitnessszene, was Beckenbauer für den Fußball ist: Kaiser seines Sports. Nun war er in Berlin – ein Gespräch über M&Ms, birnenförmige Frauen und Heidi Klums Po

Christine-Felice Röhrs

Herr Kirsch, wenn ich Sie bitten würde: Machen Sie mich dünn! Was würden Sie tun?

Zuerst würde ich fragen: Was hast du gefrühstückt?

Ohje, wieso?

Weil es mir viel über den Kunden verrät, wie er den Tag anfängt. Also: Was hast du gefrühstückt?

Beschämt zieht man ein am Hotelkiosk erstandenes Tütchen M&Ms hervor, es ist halb leer. David Kirsch schaut das Tütchen an, hält aber sorgfältig den Ekel aus dem Gesicht fern. Feierlich sagt er:

Du weißt, dass M&Ms nicht gut für dich sind. Das sehe ich dir an. Und da sind Gründe, warum du nicht trainierst. Da ist etwas in deiner Psyche, das dich nach Süßem greifen lässt statt nach etwas, das dir gut tut. Das musst du finden. Dann kannst du deine Einstellung ändern. Dann wirst du dünn. Amen.

* * *

So beginnt ein Treffen mit David Kirsch. Für die Welt der Körperertüchtigung ist Kirsch, was Beckenbauer für den Fußball ist: Kaiser eines Imperiums. Seines umfasst eine Menge berühmter Untertanen – Heidi Klum zum Beispiel, Ellen Barkin, Linda Evangelista, Donald Trump –, drei Bücher, Turnvideos und eine wachsende Zahl von Produkten, die alles Mögliche am Körper entgiften, reinigen, wachsen lassen oder bremsen sollen, außerdem die David-Kirsch-Medizinbälle, die, wenn man sie wirft, eine besonders schöne David-Kirsch-zertifizierte Brustmuskulatur entwickeln helfen.

Es war übrigens er, der Heidi Klum hüpfen ließ wie einen Frosch! Sie hat das sogar in der großen Tyra-Banks-Show vorgeführt. David sagt:

Um ihren Arsch zu straffen. Darf ich Arsch sagen? Der Tagesspiegel ist doch eine Zeitung für Erwachsene?

Ja, klar.

Na, dann. Arsch.

> David Kirsch ist nicht groß, aber er hat schöne Arme. Es ist halb neun am Morgen, und er sitzt in einer stillen Ecke der Lobby des Radisson am Berliner Dom, in Sportklamotten, natürlich. Um sechs Uhr ist er an diesem Morgen aufgestanden, ist in den Fitnessraum des Hotels gegangen, ist geradelt, hat Gewichte gehoben und dampfsauniert. Dann hat er ein gesundes Frühstück eingenommen und frische Sportklamotten angezogen. Auf dem Tisch liegt sein neues Buch; es ist der Grund für diese Deutschlandreise. Das Cover ist auf sehr amerikanische Weise voll. Oben steht: „Fit in sechs Wochen. Jeder. Überall. Jederzeit“. Darunter: „Inklusive Heidi Klums Bikini Boot Camp“. Darunter wieder: „Sound Mind Sound Body“, der eigentliche Titel (wobei „sound“ für gesund steht). Am Fuß des Covers steht: „David Kirschs ultimatives Fitnessprogramm für Körper, Geist und Seele“. Und mittendrauf der Meister selbst mit rasiertem Kopf und geblecktem Gebiss, was ihn aussehen lässt wie einen Drill-Sergeant der US-Marines. In Wahrheit ist er aber sanft. Und älter. 45 mittlerweile, und der Kopf ist mehr kahl als rasiert. Aber das bildet Vertrauen. Man denkt: Der hat schon alles gesehen. Den können nicht mal meine Probleme schocken.

Die kritische journalistische Distanz verflüchtigt sich nach zwei Minuten. Stattdessen glimmt die Hoffnung auf, dass dies, nein er!, nein, SEIN WEG die Rettung sei. Aus was auch immer. Vermutlich könnte David Kirsch jeden überzeugen. Er hat etwas leicht Pastorales, vermutlich ist es die Art, wie er „trust me“ sagt, dabei war er mal Anwalt. Er war damals allerdings unglücklich. Ständig bekam er Kopfschmerzen. Es gehört zur Legendenbildung, dass Geschichten verschwimmen – auf jeden Fall gab er 1991 das Anwaltsein auf und gründete den Madison Square Club, das Herz seines Fitnessimperiums. „Was immer wir im Leben tun, es sollte uns glücklich machen“, sagt Kirsch, beugt sich vor und schaut sehr ernst aus großen blauen Augen. Er sagt: „Tu nicht, was andere von dir wollen. Tu, was du selber für richtig hältst. Dann wirst du glücklich.“ Außer Kuchen essen, allerdings. Oder Schokolade. Oder irgendetwas, das Weißmehl enthält. Das ist vom Teufel.

David Kirsch kümmert sich nämlich nicht nur um die Körper seiner Kunden. Er versteht sich als eine Art Allroundguru, der Motivation, Ernährung und Bewegung zu einem Lebenskonzept zusammenfasst. Öfter mal liest sich das etwas seltsam. „Ich will, dass Sie sich nach dem Lesen dieses Buches gelassener fühlen und konzentriert in die richtige Richtung gehen, was Leben, Liebe und Ihr Streben nach physischem, mentalem und spirituellem Glück betrifft“, steht auf Seite 13. Ließe man all das weg, wäre das Buch um die Hälfte kürzer. Aber Kirsch wird auch sehr konkret, so dass es auf 326 Seiten viel zu lernen gibt.

Der Kern seiner Ernährungslehre zum Beispiel trifft sich mit aktuellen Studien. Das Ziel – die gnadenlose Eliminierung überflüssiger Kilos und die schnelle Straffung des Muskelgewebes – erreicht man laut Kirsch am besten dadurch, dass man die ungesunden Kohlenhydrate weglässt, sprich alles, in dem Weißmehl und Zucker enthalten ist: Nudeln, Brot, Kartoffeln, Reis und auch gekochte Karotten. Stattdessen: mageres Fleisch (von human aufgezogenen Tieren, denn die haben „ein gutes Karma“!), Fisch, Eiergerichte, Gemüse und Obst – aber kein zuckriges, wie Bananen, Kirschen oder Ananas.

Was das eigentliche Training betrifft – da sei als Erstes die Theorie der Körperformen erwähnt.

Und was bin ich, Herr Kirsch?

Du bist eine Birne.

Wie bitte?

Nicht schlimm. Heidi Klum ist auch eine Birne. Ihr speichert das Fett am Po und an den Oberschenkeln. Das ist immerhin gesünder als bei den Apfelmenschen. Die speichern am Bauch, und Bauchfett begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Oh. Okay …

Ob nun aber Birnen-, Apfel- oder Stockmensch – für jeden gibt es im Buch die passenden Übungen, und zwar mit Fotos und Anleitungen, vielleicht ist das das Beste daran. Man kann gleich anfangen, gleich so, vom Sofa weg, und das, sagt David, sei ja auch der Sinn. Heidis Froschsprung steht übrigens auf Seite 111 („Beinbeugermuskeln, Gesäß, Quadrizeps – für Fortgeschrittene“). David steht auf und turnt ein bisschen. Dann ist das Gespräch aus. Er winkt. Er geht. Dann macht er kehrt. Er öffnet den Mund und sagt:

Gib mir die M&Ms. Ab heute ist Schluss damit. Gelobst du?

Amen.

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