Über das Sterben sprechen : „Willkommen zum Café Tod“

Im „Café Tod“ treffen sich regelmäßig Menschen, die über das Sterben sprechen wollen. Der Tod soll alltäglich werden - weil er uns alle betrifft.

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Unerschrocken. Bernard Crettaz, Angela Fournes und Bernd Boßmann laden zu Gesprächen über den Tod ein. Foto: Nele Pasch
Unerschrocken. Bernard Crettaz, Angela Fournes und Bernd Boßmann laden zu Gesprächen über den Tod ein. Foto: Nele Pasch

Freundlich steht er da und begrüßt gut gelaunt seine Gäste. Ja, er freut sich richtig. „Willkommen zum Café Tod“, sagt er und führt die Gekommenen in den Hof. Café Tod – Bernd Boßmann meint es also ernst. Auch wenn die Adresse, Alter Sankt-Matthäus-Kirchhof, Ernstes erwarten lässt, kann sich niemand etwas unter diesem Namen vorstellen. Café Tod – was soll das sein? Das ist die Frage zur Mittagsstunde auf dem Friedhof an der Yorckstraße. Ein Treffen sarkastischer Satanisten? Dafür stimmt die Uhrzeit nicht. Boßmann lud um 16 Uhr ins Friedhofscafé Finovo ein. Zur Veranstaltung zum Thema Sterblichkeit. Der Betreiber des Cafés zählt an diesem Nachmittag 15 Besucher, man sitzt im Stuhlkreis im Innenhof, umringt von Friedhofsmauern.

Darum geht es hier, um das Reden über den Tod. „Das passiert viel zu selten, obwohl dieser doch immer und überall allgegenwärtig ist“, sagt Angela Fournes. Sie ist selbstständige Bestatterin, Tod ist für sie Alltag. Für sie, Boßmann und Kollegen, nicht aber für den Otto-Normal-Lebendigen. Und das, obwohl es uns alle zu jeder Zeit selbst treffen könnte. Für viele ein pessimistischer Gedanke.

„Muss nicht sein“, sagt Boßmann. Der Tod sei ein Mysterium, oft in Angst gebettet. Dabei könne es auch ganz wunderbar sein, „wir wissen es einfach nicht“. Diese freudige Erwartungshaltung teilen dennoch die wenigsten, deshalb das „Café Tod“. Die Veranstalter wollen dem Sterben die Angst nehmen. Die Endlichkeit zu etwas Alltäglichem machen. Spätestens, wenn Angehörige oder enge Freunde sterben, überkomme einen das Thema oft plötzlich. „Meistens wirft es die Betroffenen völlig aus der Bahn – keiner ist darauf vorbereitet“, sagt Fournes. Oft fehlen schon die Worte, um darüber zu sprechen oder Freunde, die zuhören. „Am liebsten meiden Menschen den Tod“, erklärt die Bestatterin.

Das soll sich nun ändern, der Veranstaltung unter dem Motto „Café Tod“ sei Dank. Es ist das zweite seiner Art in Deutschland, in Köln machen Teilnehmer die Endlichkeit im „Café Totentanz“ zum Thema. Die ähnlichen Namen gehen auf den gemeinsamen Ursprung in der französischen Schweiz zurück. In Genf gründete Museumsdirektor Bernard Crettaz 2004 das erste „Café Mortel“. Auf Deutsch bedeutet das „tödlich“, erklärt er. Mittlerweile gibt es über 100 Cafés dieser Art, hauptsächlich im frankophonen Raum und alle von Crettaz initiiert.

Die Idee dazu kam ihm 1999 während einer Ausstellung seines Museums zum Thema Tod. Dabei habe er ein Phänomen beobachtet: „Die Leute hatten ein massives Bedürfnis, über den Tod zu sprechen. Sie wollten traurige Dinge in der Öffentlichkeit beim Namen nennen, Worte finden, Angst verlieren“, sagt er zu Beginn des „Café Tod“ in Berlin.

Der Berliner Totentreff für Überlebende soll erst einmal alle zwei Monate im Friedhofscafé Finovo stattfinden. Die Gespräche leiten werden Boßmann und Fournes. Jeder ist eingeladen, darf zuschauen, mitreden. Alles soll spontan sein, keiner ist gezwungen, etwas zu sagen. „Wir reden hier niemals über Theorien, religiöse Mythen, keiner gibt Ratschläge“, sagt Crettaz. Die meisten Besucher haben schon Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Manche sind noch auf der Suche zurück in den Alltag, manche wünschen sich, ohne Traurigkeit über den Tod sprechen zu können. Alle wollen das Schweigen brechen. „Als meine Frau gestorben ist, hat keiner das Wort Tod in den Mund genommen. Alle haben nur davon gesprochen, dass sie eingeschlafen oder von dannen gegangen sei“, ärgert sich ein Teilnehmer.

Jeder der 15 Teilnehmer hat seine eigene Geschichte, jeder verarbeitet sie anders. Crettaz lässt alle zu Wort kommen, fragt nach. „Denn auch, wenn ich nicht weiß, wer den Tod erfunden hat, ist es unsere Aufgabe, nach dem Verlust von einem geliebten Menschen ins Leben zurückzufinden,“ sagt der Schweizer. Gemeinsam mit Bernd Boßmann und Bestatterin Fournes will er das „Café Tod“ etablieren. Gleichzeitig hoffen sie, dass es auf lange Sicht überflüssig wird. Denn alles sei letztlich Ansichtssache. Der Betreiber des Friedhofcafés hat viele seiner Freunde sterben sehen. Und dabei seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Er ist sich sicher, dass der Tod „eigentlich das Dollste“ sei. „Wenn wir wüssten, was uns erwartet, würden wir abgehen wie die Lemminge.“

Das nächste Café Tod findet am Freitag von 16 bis 18 Uhr im Café Finovo auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße 12, statt.

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