Berlin : Über die besten Gedichte zur Berlinale

Harald Martenstein

Hereinspaziert, verehrtes Bildungsbürgertum, heute haben wir Hochkultur! Berlinale-Lyrik. Gottfried Benn hat mal ein Gedicht geschrieben, das auf die Berlinale-Partys passt. Es geht so

Sehr schlimm: eingeladen sein
wenn zu Hause die Räume stiller
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Benn ist in gewisser Hinsicht der Ingmar Bergman unter den Dichtern. Heiner Müller dagegen hat die kritische Distanz zur Filmwelt übertrieben.

In den Buchläden stapeln sich
die Bestseller Literatur für Idioten
Denen das Fernsehen nicht genügt
Oder das langsamer verblödende Kino

So schlimm ist das Kino auch wieder nicht, oder? Das war Heiner Müller, meine Damen und Herren. Über das Landleben im realen Sozialismus, Thema von Zhang Yimous Wettbewerbsbeitrag mit dem unaussprechlichen Namen, gibt es dies hier

Bei uns auf dem Land ist es gut, ist es schön
die Prinzipien sind ein bißchen älter geworden
das Schwein mampft das in der Krippe vergessene Kind
(sowieso haben sie beide dem Staat gehört).

Mircea Dinescu, eine Rumänin, hat das geschrieben. Die rumänischen Lyrikerinnen sind knallhart. Aber mein derzeitiges Lieblingsgedicht ist sanfter und spielt im Luftraum über Holland.

Schöne Stewardess von der KLM
zeig mir die Notausstiege
noch einmal, noch einmal
Ich liebe die Art, wie du nach vorne zeigst
Ich liebe die Art, wie du nach hinten zeigst
Ich liebe die Art, wie du zur Seite zeigst
Noch einmal, noch einmal
zeig mir mehr Notausstiege

Dies Gedicht stammt von Robert Gernhardt. Es steht, wie auch die anderen Beispiele, in Jakob Stephans demnächst bei Haffmanns erscheinendem Buch "Lyrische Visite". Ein gutes Buch. Kann man sich ohne weiteres kaufen. Aber was hat das alles mit der Berlinale zu tun? Nun, die Lyrik gilt gemeinhin als anstrengende, ernsthafte Kunstform, und der Film gilt als besonders volksnah. Oft genug ist es umgekehrt. Es gibt Gedichte, die sind wie ein guter Film, und es gibt Filme wie ein schlechtes Gedicht. Zum Beispiel

(ein Absatz inmitten des Satzes. Wegen des Effektes. Ein der Lyrik abgeschautes, revolutionäres Stilmittel)
Zhang Yimous Wettbewerbsbeitrag über eine Liebe auf dem Lande, den man sehr kitschig oder sehr herzergreifend finden kann. Ich hätte ihn vermutlich herzergreifend gefunden, wenn die kitschige Musik nicht gewesen wäre. Vielleicht war die Musik auch einfach eine Spur zu laut. Wie sensibel wir doch heute wieder mal sind!Aus der Serie "50 Verweht"

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