Berlin : Übungen am laufenden Band

Eingepflanzte Knie- oder Hüftgelenke sind der häufigste Anlass für eine Anschlussheilbehandlung. Denn im Krankenhaus wird zwar operiert, doch erst in der Reha lernen die Patienten, wieder schmerzfrei durchs Leben zu gehen

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Gehen lernen Der Orthopädiepatient braucht noch Hilfe. Die Therapeutin überwacht seine Bewegungen, denn mit einem Kunstgelenk läuft es sich anfangs anders. Foto: Mike Wolff
Gehen lernen Der Orthopädiepatient braucht noch Hilfe. Die Therapeutin überwacht seine Bewegungen, denn mit einem Kunstgelenk...

Vier Jahre verbrachte Walter Lorenz mit Schmerzen in der Hüfte. Eine Stunde Gartenarbeit musste er mit zwei Tagen Bettruhe bezahlen. „Da wurde ich richtig ungnädig, wie ein altes Waschweib“, erinnert sich der 83-Jährige. Der ehemalige Auslandsmitarbeiter der DDR bereiste einst die Welt – doch durch Schmerzen eingeschränkt zu sein, das machte ihm zu schaffen.

Jetzt kann er wieder lachen und seine blauen Augen strahlen dabei. Nachdem das abgenutzte linke Hüftgelenk durch einen künstlichen Ersatz ausgetauscht wurde – eine sogenannte Totalendoprothese (TEP) –, ist er schmerzfrei und lernt in der Rehabilitationsklinik Sommerfeld im Brandenburgischen Kremmen neu, sein Bein zu bewegen.

Die Rehabilitation, die insgesamt drei Wochen dauern wird, hat gerade erst begonnen. Seit vier Tagen ist Walter Lorenz in der Rehaklinik Sommerfeld des Sana-Krankenhauskonzerns. Direkter Nachbar sind die Hellmuth-Ulrici-Kliniken für Endoprothetik und Manuelle Medizin. Das heißt, die Gelenkersatz-Operation und die anschließende Reha trennen nur wenige Meter voneinander. So ein kurzer Weg ist für den angeschlagenen Patienten schon mal eine Entlastung.

In der Einrichtung werden beide Reha-Formen angeboten: Stationär und ambulant. Allerdings sind die Rehabilitanden, die morgens mit Bus, Bahn oder dem eigens eingerichteten Fahrdienst zur Behandlung fahren und abends wieder zurück, klar in der Minderheit: Nur jeder zehnte der gut 4500 Reha-Patienten muss hier täglich auf Achse sein.

Bunt bemalte Häuser im Schwarzwald-

Stil zieren das Klinikgelände, stilecht mit roten Geranien und einer Uhr unterm Giebel. In den Jahren 1911–14 dienten sie als Tuberkulose-Krankenhaus der damals noch eigenständigen Stadt Charlottenburg. Für die schwer kranken Patienten schuf man eine idyllische Atmosphäre, die sich bis heute erhalten hat. „Man konnte damals medizinisch wenig für die Kranken tun, deshalb wollte man ihnen ein ansprechendes Ambiente bieten“, sagt Friedbert Herm, Chefarzt der Reha-Klinik für Orthopädie und Pneumologie. Herm ist zuständig für die Hüft- und Knie-Patienten, also auch für Walter Lorenz.

Jeder Patient erhält nach dem ersten Befund einen individuellen Therapieplan, der auf seine Bedürfnisse und gegebenenfalls Begleiterkrankungen zugeschnitten ist. Nach dem Einsetzen einer Hüft-TEP verbringen die Operierten um die zwölf Tage im Krankenhaus, bevor man sie in eine stationäre oder ambulante Reha verlegt. Doch schon in der Klinik beginnen die ersten Übungen. Am ersten Tag nach der Operation soll der Patient bereits aufstehen. Bis nach zwei bis drei Wochen die Wundheilung abgeschlossen ist, bekommt er noch Schmerzmittel und muss Kompressionsstrümpfe tragen, um die Gefahr von Thrombosen, also von plötzlichen Gefäßverschlüssen durch Blutgerinnsel, zu verringern.

Die Sozialdienst-Mitarbeiter des Krankenhauses kümmern sich währenddessen darum, dass sich die Reha möglichst nahtlos an den stationären Aufenthalt anschließt. Im besten Falle gibt es dazwischen keine Wartezeit.

Die genauen Bestandteile der Nachsorgetherapie richten sich auch nach der Operationsmethode, die angewandt wurde. „Es gibt verschiedene Verfahren des Hüftgelenkersatzes, beispielsweise kann man von vorne, hinten oder der Seite operieren“, sagt Reha-Chefarzt Herm. Je nach Eingriff sind unterschiedliche Muskelgruppen betroffen, die beim Operieren durchtrennt werden. Eine Aufgabe der Reha ist es dann, genau diese geschwächten Muskeln zu trainieren.

Aber nicht nur der Weg des Operateurs, sondern auch seine Technik hat Einfluss auf die anschließende Heilbehandlung. Deshalb muss eine Rehaeinrichtung für die individuellen Therapien auch die entsprechende Ausstattung bieten. In Sommerfeld sind die Angebote schon an der Farbe der Flure erkennbar – mal blau, mal grün, mal rot sind die Wände gestrichen. Das soll die Orientierung erleichtern. Blau steht für Hydrotherapie, also für alles, was mit Wasser zu tun hat. Grün sind die restlichen Therapieräume – Sport-, Physio- und Ergotherapie. Diese Räume sind rund um das zentrale Schwimmbad angeordnet.

Draußen am Waldrand liegt ein Kneipp-Bad und ein Parcours. Auf ihm können die bewegungseingeschränkten Patienten das Gehen unter erschwerten Bedingungen – auf Schotter, Pflastersteinen und Treppen – üben. Neben dem Schwimmbad gibt es auch ein kleines Bewegungsbad, das besonders gut für Gelenkersatz-Patienten geeignet ist. Durch den Auftrieb und das warme Wasser sind diese auch nicht ganz so anstrengend. Wie vor einem Aquarium können die Physiotherapeuten von außen die Bewegungen ihres Schützlings unter Wasser beobachten (siehe Gerätecheck auf der nächsten Seite).

Eine Rehabilitation nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks dauert zwei bis drei Monate, inklusive der nötigen nachstationären Maßnahmen, wie zum Beispiel Rehasport oder Physiotherapie. Treppensteigen und Büroarbeit ist aber schon nach sechs Wochen wieder möglich. Braucht der Patient auf beiden Seiten einen Gelenkersatz – was gerade bei altersbedingten Verschleißerscheinungen durchaus häufiger vorkommt – muss er also viel Zeit mitbringen, zumal zwischen den Operationen üblicherweise ein halbes Jahr Genesungszeit liegt. Gleichzeitig beide Hüftgelenke auszutauschen, um diese Zeit quasi zu sparen, das wird nur selten von Ärzten unterstützt. Die Belastung mit zwei operierten Hüftgelenken wäre einfach zu groß. „Der Patient kommt schneller wieder auf die Beine, wenn er das nicht operierte Bein zur Unterstützung hat“, sagt Chefarzt Friedbert Herm.

Viele jüngere Patienten bevorzugen ambulante Reha-Einrichtungen. Diese bieten prinzipiell dieselben Möglichkeiten wie ihr stationäres Gegenstück. Das Zentrum für ambulante Rehabilitation (ZAR) in der Gartenstraße in Berlin-Mitte ist eine solche Einrichtung. Hier gibt es zwar keine Zimmer zur Übernachtung, aber tagsüber trotzdem Verpflegung und gemeinschaftlich genutzte Ruheräume mit speziellen Liegen. Die tägliche An- und Abreise wird durch einen Fahrdienst organisiert. Ein Therapieziel besteht aber auch darin, dass nach einigen Behandlungstagen wieder öffentliche Verkehrsmittel genutzt werden. Deshalb sollte eine ambulante Reha möglichst nah beim Wohnort liegen.

Die tägliche Konfrontation mit dem Alltag kann zwar anfangs mühsamer sein, erlaubt es dafür aber, sich neben der Therapie noch um Familie oder Beruf zu kümmern. Manche Experten behaupten, dass dadurch die Rehabilitation verschleppt würde und sich unnötig verlängert, andere sind der Meinung, der Patient sei so schneller alltagstauglich. Letztlich kommt es aber doch auf die individuelle Lebenssituation des Einzelnen an und darauf, wie fit der Patient schon vor dem Eingriff war.

Bei der ambulanten Reha gibt es zudem die Möglichkeit, die Behandlungstage nicht hintereinander, sondern in Intervallen abzuarbeiten. „Das ist oft keine schlechte Sache. Man kann sich zwischendurch erholen“, sagt Steffen Zillmer, Leiter des ZAR Berlin. Denn die Sport- und Physiotherapie-Einheiten sind durchaus mit Anstrengung und möglicherweise sogar Schmerzen verbunden. Die Anzahl der Rehatage bleibt trotzdem gleich, denn die Pausen zwischendurch verlängern die Gesamtzeit der Therapie.

Den Schmerzen ist es egal, wo die Reha stattfindet. „Das tut schon ein bisschen weh, man muss manchmal die Zähne aufeinanderbeißen“, meint Sommerfeld-Patient Walter Lorenz. Einen Ansporn von außen, um durchzuhalten, brauchten die Genesenden allerdings eher selten, sagt Chefarzt Herm: „Die meisten können viel wegstecken, sie waren vor der Operation jahrelang an Schmerzen gewöhnt. Manche muss man in ihren Bemühungen sogar eher bremsen.“

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