Berlin : Uli Kopsch (Geb. 1944)

Im Sommer ging er mit den Schülern auf Schatzsuche – durch die Stadt.

Tatjana Wulfert

Eine Wiese, in Sonne getaucht. Fliederbüsche am Rand. Lärmende Vögel im Unterholz. Über den weichen hellen Sand eines Weges, der sich durch die Wiese windet, geht ein Mann, allein, spricht Worte in die warme Luft: Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte…

Ein Lehrer und 25 Schüler sitzen um 6 Uhr früh im Fließtal. Fahles Licht. Die zwölfjährigen Kinder halten Papierbögen auf den Knien, notieren hin und wieder ein einzelnes Wort, eine Wortgruppe. Der Lehrer fotografiert ein Bündel taufeuchter Grashalme, einen aufgeschreckten blassen Schmetterling, die nachdenklichen jungen Gesichter.

Der Lehrer und die Schüler laufen zurück in die Schule, frühstücken. Dann darf jeder für diesen Tag nach Hause gehen. Die Gedichte und Fotos kann man sich auf der Internetseite der Victor-Gollancz-Grundschule ansehen.

Der Mann auf der Wiese, der Lehrer, der mit seinen Schülern Gedichte im Morgengrauen schreibt, Uli Kopsch, ist zunächst ein Steuergehilfe. Ein Steuergehilfe aus der Pfalz, der Goethe, Fontane, Hesse und Mörike liest, der nach der Steuergehilfenarbeit in Buchläden steht, Bücher kauft, sie zu Hause in die hohen langen Regale zu den anderen hunderten Büchern stellt, alle diese Bücher liest, irgendwann nicht mehr zurück will in sein Steuergehilfenbüro und ein Lehrerstudium für Sport und Deutsch beginnt.

Doch in der Pfalz, Ende der 70er Jahre, bekommt Uli keine Lehrerstelle. Er stehe nicht sicher auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, befinden die Beamten im Ministerium. Uli geht nach Berlin. Auf eine Gesamtschule in der Gropiusstadt, die Verhältnisse sind schwierig, Uli lernt türkisch, wandert mit einigen Schülern in den Sommerferien zu den Burgen und Schlössern im Pfälzer Wald.

Dann Frohnau. Die Verhältnisse sind geordnet. Die Schüler hören zu, wenn die Lehrer sprechen. Hören besonders gut zu, wenn Uli spricht. Gründlich bereitet er sich vor, jeden Tag, kann Stunden nachvollziehen, die Jahre zurückliegen.

Er entwickelt Karteikartensysteme für den Sportunterricht, seine Staffeln sind berühmt-berüchtigt, unschlagbar. Er lädt Autoren ein, fährt mit den Schülern zu Lesungen. Geht mit den Kindern im Winter rodeln, im Sommer auf Schatzsuche durch die Stadt, jeder ein Blatt in der Hand. Wie lautet die Inschrift über dem Alten Museum? Wie viele Stufen führen zum Pergamonaltar?

Schwatzt ein Schüler im Unterricht zu laut, lässt er ihn einen Aufsatz schreiben: Warum habe ich bei dem hervorragenden Lehrer Herrn Kopsch gestört? Der Schüler setzt sich lachend an seinen Tisch, antwortet „seinem hervorragenden humorvollen Lehrer“ mit einer erstaunlich humorvollen Abhandlung.

Ein Büro in der Victor-Gollancz-Grundschule, ein runder Tisch. Auf dem Tisch steht eine Schale, in deren Mitte eine schwarze Kerze, gehalten von hellen glatten Steinen. Zu beiden Seiten der Schale Fotos: Uli auf dem Markusplatz, vor der Rialto-Brücke, Aufnahmen aus der Türkei… Drei Kollegen sitzen um den Tisch. Erzählen. Hin und wieder öffnet sich die Tür, andere Kollegen setzen sich an den Tisch. Erzählen auch. Traurig, lachend: An die französischen Männer erinnerte er, immer charmant zu den Frauen. Der einzige Mann der Schule, der bemerkte, dass eine Kollegin beim Friseur war, ein neues Kleid trug. Selbst den Müttern der Schüler machte er Komplimente.

Sein Platz im Lehrerzimmer war hinten links, die Tür und den ganzen Raum hatte er so im Blick, betrachtete jeden, der hereintrat, aufmerksam. Uli Kopsch, sagen sie, war ein feiner Menschenbeobachter, sah sofort, wenn es jemandem schlecht ging, sprach denjenigen dann direkt an, ohne dass der sich ausgefragt fühlte. War ungeheuer belesen. Empfahl Bücher, die immer genau zum Kollegen, der vor ihm stand, passten. Seine Neugierde auf Neues, auf Menschen, schien ihnen unerschöpflich. „Eine Lücke im Kollegium ohne ihn. Nicht zu schließen“, sagen sie. Er ist einfach nicht aus den Ferien zurückgekehrt. Tatjana Wulfert

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