Berlin : Um die Familie der Ermordeten wird es einsam

Sabine Beikler

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) ist mit seinen Äußerungen nach dem Urteil im Prozess um den Mord an Hatun Sürücü auf große Zustimmung gestoßen. „Ich unterstütze Herrn Körting moralisch. Wenn die Familie meint, dass so genannte Ehrenmorde ihrer Tradition entsprechen, sollte sie dahin gehen, wo sie glaubt, dass ihre Wurzeln für diese Vorstellung liegen. Das ist da, wo sie ihre archaischen Lebensformen her haben“, sagte die Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin Seyran Ates dem Tagesspiegel. Körtings Worte seien „sehr mutig“ gewesen, sagte auch die FDP-Frauenpolitikerin Mieke Senftleben.

Körting hatte der Familie die Ausreise in die Türkei nahe gelegt. „Wenn sie denn wirklich Ehre im Leib hätten, dann sollten sie die Konsequenz ziehen und die Bundesrepublik Deutschland verlassen“, sagte der Innensenator. Er begründete seine Aufforderung damit, das Verfahren habe gezeigt, „dass es sich hier um eine scheinintegrierte Familie gehandelt hat, deren meiste Mitglieder offensichtlich mit ihren Wertvorstellungen in Deutschland noch nicht angekommen sind“. Nach dem so genannten Ehrenmord im Februar 2005 hatte die Polizei vermutet, dass ein Familienrat die Hinrichtung der westlich lebenden Hatun Sürücü beschlossen hatte – gerichtsfest beweisen aber konnte sie es nicht. Familie Sürücü stammt aus der kurdischen Provinz Erzurum. Die Eltern leben schon seit rund 30 Jahren in Deutschland.

Arzu Sürücü, die Schwester der ermordeten Hatun, kann die Aufforderung Körtings überhaupt nicht nachvollziehen. „Deutschland ist unsere Heimat. Wir sind fremd in der Türkei“, sagte sie dem Tagesspiegel. „Ich verstehe nicht, dass Leute so ein Theater machen, obwohl sie uns nicht kennen. Sie sollen kommen und sich mit uns unterhalten. Wir sind doch keine Ungeheuer. Und von wegen scheinintegriert: Wir sind so, wie wir sind.“

Frank Henkel, der Generalsekretär der Berliner CDU appellierte an Körting, die erforderlichen Schritte für eine Ausweisung zu unternehmen. „Derartige Lebensformen und religiöse Fanatismen haben bei uns keinen Platz“, sagte er. Mit einer Ausweisung könnte man ein Zeichen an die Adresse junger Migranten setzen, die das Gerichtsurteil „in ähnlicher Form werten“ wie die Familie der Toten. Auch FDP-Fraktionschef Martin Lindner unterstützt den „moralischen Appell“ Körtings. „Dann soll sich die Familie bitte ein Land suchen, in denen ihre Wertvorstellungen akzeptiert werden“.

Eine Ausweisung ist nur dann möglich, wenn sich einzelne Familienmitglieder „erheblich etwas zu schulden kommen lassen“, heißt es aus Berliner Justizkreisen. Das könnte zum Beispiel bei Straffälligkeit sein. Ob das Aufenthaltsrecht einzelner Familienmitglieder überprüft wird, wollte die Berliner Innenverwaltung nicht sagen. Eine Ausweisung löse das grundsätzliche Problem nicht, sagten Frauenpolitikerin Evrim Baba (Linkspartei/PDS) und Grünen-Fraktionsvize Alice Ströver. „Die Frage ist, wie man an Familien herankommt, in denen solch archaisch-patriarchalische Strukturen vorherrschen“, sagte Baba. Ströver forderte Imame und Mitglieder der türkischen Gemeinde auf, solche Leute zum Umdenken zu bringen, „damit sie unsere Wertvorstellungen akzeptieren und danach leben“.

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