Berlin : Umfrage: Schlechte Schulbildung fängt bei den Müttern an

Susanne Vieth-Entus

Besorgnis erregende Fakten über den Ausbildungsstand und die Integration ausländischer Mütter in Berlin hat eine Umfrage ans Licht gebracht, die Schulsenator Klaus Böger (SPD) gestern vorgestellt hat. Es stellte sich heraus, dass sich viele Frauen selbst nach über zehnjährigem Aufenthalt in Deutschland nicht in der Lage fühlen, bei Arzt- oder Behördengängen sprachlich zurecht zu kommen. Rund 75 Prozent haben keine Berufsausbildung, über ein Drittel hatte im Heimatland weniger als sechs Jahre die Schule besucht.

Befragt wurden 1056 Frauen, die an den sogenannten Mütterkursen der Volkshochschulen teilnahmen. Diese Kurse werden seit 1999 größtenteils in Grundschulen angeboten, um den Frauen die Möglichkeit zu geben, parallel zum Schulunterricht ihrer Kinder die deutsche Sprache zu lernen. Damit wurde nicht nur das Betreuungsproblem gelöst, sondern gleichzeitig die Schwellenangst genommen, da die Frauen sich nicht außerhalb des ihnen vertrauten Umfelds bewegen müssen. Das Konzept entpuppte sich als so erfolgreich, dass inzwischen schon fast 4000 Frauen erreicht werden konnten.

Auf die Frage, warum sie sich überhaupt für die Kurse gemeldet haben, gaben 683 der 1056 Befragten an, sie wollten sich besser beim Arztbesuch verständigen. Knapp 600 möchten den Kontakt zur Schule der Kinder verbessern und bei den Hausaufgaben helfen, danach folgen als weitere Gründe die bessere Verständigung bei Behörden und Banken und der Wunsch, mehr Kontakt zu Deutschen zu bekommen. Nur 185 Frauen verfolgen mit dem Spracherwerb das Ziel, die Einbürgerungschancen zu verbessern. 57 Prozent der Befragten stammen aus der Türkei, 17 Prozent aus Asien (ohne Türkei), 14 Prozent aus dem Libanon.

Die Mütter zahlen für die 260-stündigen Kurse lediglich eine Aufnahmegebühr von 50 Mark. Dies bedeutet, dass die Ausgaben von rund 1,8 Millionen Mark jährlich vor allem von der öffentlichen Hand getragen wurden. Ausschlaggebend für diese Entscheidung in Zeiten knapper Kassen war 1998 die - späte - Erkenntnis des Senats, dass den Innenstadtbereichen stärker geholfen werden muss. Vor allem wurde konstatiert, dass die Deutschkenntnisse in der dritten "Gastarbeiter"-Generation wider Erwarten nicht besser, sondern schlechter wurden. Eine Folge ist die hohe Rate von Schulabbrechern und niedrige Rate von Abiturienten unter den Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache.

Insbesondere die Berliner Türken halten daran fest, ihre Ehepartner in der Heimat zu suchen. Somit hat das dortige Ausbildungssystem große Auswirkungen auf die Integrationschancen der Familien in Berlin. Die Umfrage bestätigte die Befürchtung, dass insbesondere die Frauen wesentlich kürzer die Schule besuchen als im restlichen Europa üblich. So gaben neun Prozent an, die Schule weniger als vier Jahre besucht zu haben. Bei 28 Prozent waren es vier bis fünf Jahre, bei 16 Prozent sechs bis acht Jahre. Dementsprechend schlecht sieht es auch mit den Berufsausbildungen aus. Nur ein Viertel der Frauen berichtet, eine Berufsausbildung zu haben, worunter sie mitunter aber schon den Besuch eines Nähkurses zählen, wie Schulsenator Böger erläuterte.

Angesichts der anhaltend großen sprachlichen Defizite in den Familien betonte Böger, dass die Mütterkürse nicht nur fortgesetzt, sondern möglichst ausgeweitet werden müssten. Da nur elf Prozent der befragten Frauen berufstätig sind, entfällt auch die Möglichkeit, im Arbeitsumfeld Deutsch zu lernen.

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