Berlin : Umsonst und draußen 1980

Wegen Millionenlöchern und fragwürdiger Geldspritzen sind sie jetzt wieder Stadtgespräch – Irene Moessinger und ihr Tempodrom. Die Vorgeschichte reicht weit ins alte West-Berlin zurück. Wie ein Traum zu einer Institution und dann zu einem Politikum wurde

Matthias Oloew[Dagmar Rosenfeld],Lars von T&#246

Von Matthias Oloew,

Dagmar Rosenfeld und

Lars von Törne

Er fällt ihr einfach aus dem Mund, der Zahn. Aus Versehen, und irgendwie doch im richtigen Moment. Weil die, die eigentlich gegen Irene Moessinger und ihr Tempodrom waren, lachen müssen. Da, wo im freundlichen Gesicht der Tempodrom-Gründerin ein Schneidezahn sitzen sollte, klafft jetzt ein schwarzes Loch. Und da, wo bisher eine ernste Informationsveranstaltung über das neue Tempodrom stattgefunden hat, bricht Heiterkeit aus. Jetzt lachen sie, die Leute, die an diesem Sommerabend vor zehn Jahren in eine Kreuzberger Schule gekommen waren, weil sie nicht wollten, dass das neue, fest gebaute Tempodrom dorthin kommt, wo sie sind – an den Anhalter Bahnhof.

Sie lachen zusammen, Irene Moessinger und die Kreuzberger. Das ist es. Es ist das groß geschriebene „Zusammen“ der Irene Moessinger, das am Ende noch immer alle versöhnt hat. Irene Moessingers „Zusammen“ ist das alternativ-kuschelige West-Berlin. Es ist das Wir-kennen-und-wir-helfen-uns-Zusammen, das viele an Berlin gebunden und hier gehalten hat. Irene Moessinger hat dieses Motto für die alternative Szene neu und frisch erfunden, als es in seiner erwachsenen, beschlipsten Version schon längst im West-Berliner Establishment angekommen war. Dass aus diesem „Zusammen“ am Ende eine politische Affäre werden sollte, das hat sie damals wohl nicht geahnt.

Es sind Geschichten wie die mit dem Zahn, die man zu hören bekommt, wenn man etwas über Irene Moessinger erfahren will. Nur nette Geschichten, die ihre Freunde erzählen – und ihre Gegner auch. Es ist, als hätte Moessinger einen Zauber, der seit 25 Jahren alle dazu bringt, nur Gutes über sie zu erzählen. Oder ihr zu Hilfe zu eilen. Oder beides.

Das Schwein Oscar beispielsweise hat auch nie etwas gegen Moessinger gehabt. Obwohl das Tier, das zur Leitfigur der spontanen Kinderbelustigungskultur der Achtziger wurde, Grund dazu hatte. Immer wieder musste es seine Besitzerin durch das Programm des Kinderzirkus schieben: Moessinger rollte im hautengen Body mit roten Pailletten durch die Manege, Oscar schubste sie. Den Kindern hat es gefallen, und den Erwachsenen auch.

Natürlich, die Schweinenummer war nur ein winzig kleiner Teil von dem, wofür Berlin Irene Moessinger und ihr Zelt liebte. Nina Hagen und Bob Dylan, Nena und die Einstürzenden Neubauten sind hier aufgetreten, die Heimatklänge, das erste internationale Weltmusikfestival, wurden hier erfunden. Es waren Irene Moessinger und ihre Truppe, die in bunt lackierten Wohnwagen nicht weit von der Mauer lebten, die das Tempodrom einzigartig gemacht haben. Bei Irene traf man sich nachmittags zu Kaffee und Kuchen, abends auf ein Bier im Plastikbecher. Das Tempodrom war so etwas wie ein Paralleluniversum zu einer Stadt, die einfach mittendrin aufhörte, weil da eine Mauer war. Vielleicht war das auch der Grund, warum Irene Moessinger und ihr Zelt zum Liebling vieler Politiker wurden. Das war bunt, das war lieb, das war gut – da musste man einfach helfen. Kies von der Stadt gab es jedenfalls von Anfang an – wenn auch zuerst nicht von der Landesbank, sondern vom Bauhof. Da war das Zelt noch am Potsdamer Platz aufgebaut und es regnete in Strömen. Der Platz war voller Matsch und Moessinger brauchte Hilfe. Die Kulturverwaltung ordnete also an, dass Kies von der U-Bahn-Baustelle Tegel geholt und zum Tempodrom gebracht wurde. Und weil Irene Moessinger außer ein paar Schippen und Mistgabeln kein Gerät hatte, um die Steine zu verteilen, fragte die Verwaltung bei den Briten an. Die ließen dann ein paar Soldaten anrücken, damit sie das erledigten.

Es war eine schöne, eine lustige, eine sorglose Zeit, erst am Potsdamer Platz, und dann ab 1984 im Tiergarten – auch wenn das Geld immer knapp war. Mittag für Mittag aß man gemeinsam, Nachmittag für Nachmittag freuten sich Berlins Kinder am Borstenschwein, Abend für Abend gab es im Tempodrom Vorstellungen, die man sonst nicht zu sehen bekam. In Berlin nicht. In Westdeutschland nicht. Vom Osten ganz zu schweigen. Der spielte für das Tempodrom noch keine Rolle, damals.

Das kam später, als die Mauer fiel. Und das Tempodrom auf einmal ganz nackig da stand, so ohne den Schutz der Sektorengrenze im Tiergarten. Unberechenbar alternativ wirkte es plötzlich, ein Fremdkörper im neuen Berlin. Die Bundesregierung kam in die Stadt, im Tiergarten wurde das Kanzleramt geplant – da bemerkte auch der Senat, dass die gummistiefelige Moessinger und ihre Truppe keinen Platz in der neuen Mitte haben konnten.

Peter Strieder aus Kreuzberg kam ins Spiel – und blieb bis heute drin. Das Tempodrom, so fand der damalige Bezirksbürgermeister Strieder, braucht einen neuen Platz. Am besten in seinem Bezirk. Kreuzberg zum Zentrum des geeinten Berlins machen und nebenbei noch Eindruck in der linksalternativen Szene zu schinden, das war Strieders Plan. Von Widerspruch hat er sich eh nie einschüchtern lassen. Wenn er in der Kritik steht, läuft er zu Hochform auf und fühlt sich bestätigt. Da zahlt sich aus, dass er als Jungsozialist in Bayern sozialisiert wurde, sagt ein Vertrauter: Er litt unter der CSU, aber entwickelte unter Strauß auch sein politisches Bewusstsein. Mitunter zeigt sich das auch in Strieders Tonlage: Unter Parteifreunden war er einst als „Schreiender Affe“ bekannt – was durchaus respektvoll gemeint war. Die Moessinger jedenfalls, die mochte er einfach zu gern. Passte ja auch irgendwie. Strieder war ja für ihr Projekt ein Neuanfang. Einer mit Fundament: Tempodrom ja, aber etwas Festes sollte es jetzt schon sein.

Wie wichtig für Strieder das Tempodrom geworden war, bekamen die Kreuzberger im Wahlkampf 1995 zu sehen: Da hing an jeder Laterne das Konterfei des Bürgermeisters – und der bekannte Tempodrom-Schriftzug mit dem Saxophon spielenden Löwen strahlte im Hintergrund. Zur entscheidenden Sitzung der Bezirksverordneten, als es um die Frage Tempodrom ja oder nein ging, trug Strieder einen handbemalten lila Schlips mit dem Schriftzug: „Ich bin dafür!“

Eines gelang ihm allerdings schon damals nicht: Die politischen Folgen seines Tempodrom-Engagements richtig einzuschätzen. Der Sozialdemokrat Strieder verlor die Wahl – ausgerechnet gegen die Grünen, denen er das Tempodrom-Thema weggenommen hatte. Seinem Renommierprojekt blieb er trotzdem treu. Und da traf es sich gut, dass er selbst auf der politischen Karriereleiter vorankam, während Moessingers Tempodrom schon kurz nach Baubeginn im Chaos zu versinken drohte. Strieder verschaffte dem Tempodrom als Umweltsenator Fördermillionen aus europäischen Umwelttöpfen, er legte als Stadtentwicklungssenator seine schützende Hand auf das Bauvorhaben, wenn die Kreuzberger mal wieder dagegen waren. Zur Grundsteinlegung im Mai 2000 ließ er sich auf einem Elefanten heranschaukeln, und als er erst einmal Bausenator geworden war, da gab es kein Halten mehr: Strieder machte sich für immer neue Geldspritzen stark, als die Baukosten längst aus dem Ruder gelaufen waren. Mal war der Beton zu dünn kalkuliert, mal fehlte es an ausreichend Wasserspritzanlagen für mögliche Brände. Kurz: Am Tempodrom gab es immer etwas nachzubessern und aufzuhübschen. Das kostete bis heute mindestens 32 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie geplant. Und nach wie vor gibt es viele unbezahlte Rechnungen.

Strieder ließ sich nicht verdrießen. Für das Richtfest dichtete der Musenfreund gar eine kleine Ode an das Tempodrom. Für die dankte Moessinger ihm später mit einem privaten Brief, in dem sie ihm den Ehrentitel „Monsignore“ verleiht. Freunde zu finden, das ist für Irene Moessinger noch nie ein Problem gewesen. Sie ist da ganz spontan. „Ich bin eine Crossover-Persönlichkeit“, sagt sie über sich selbst und meint: Ich kann mit jedem. Bundespräsident Richard von Weizsäcker sitzt in den 80ern neben ihr bei einer Talkshow, „Mensch, wir sind Nachbarn“, platzt es aus ihr heraus, „kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei.“ Und der Präsident nickt ergeben.

Genau so wie Volker Hassemer, Ex-Kultur- und Ex-Stadtentwicklungssenator, den sie auch schnell für sich gewinnt. Immerhin: Der CDU-Politiker Hassemer erkennt, woran es fehlt bei all der Crossover-Spontanität. An Sachverstand. Er holt Roland Specker als Berater ins Tempodrom. Specker, der sein Geld mit Immobiliengeschäften in West-Berlin verdient hatte, und Moessinger, die Kulturfachfrau, mögen sich sofort. Er hat die Reichstagsverhüllung von Jeanne-Claude und Christo organisiert, sie hält einen Community-Kultur-Betrieb am Laufen. Zwei Macher. „Superfrau“, sagt Specker über Moessinger. Die Kosten aber bekommt auch er nicht in den Griff.

Für den Landeshaushalt wird diese Zuneigung zum Desaster. Specker, der mit dem Kulturzelt bis dahin an und für sich nichts anfangen kann, ist jetzt begeistert von dem Projekt. Er zieht sogar mit Irene Moessinger, einer Horde Kinder und verschiedenen Tieren vor das Rote Rathaus, um für eine Abfindung für den erzwungenen Umzug aus dem Tiergarten zu demonstrieren. Da stehen sie dann in einem Polizeikessel, trillern und pfeifen. Und der Bundesumzugsbeauftragte, Bauminister Klaus Töpfer, „gibt uns durch die Absperrungen seine Hand“, erinnert sich Specker noch heute mit leuchtenden Augen. Überall wuchert der Zuspruch: Die Filmproduzentin Regina Ziegler zum Beispiel. Oder die Ex-Intendantin des Hebbel Theaters, Nele Hertling. Wichtige Fürsprecher in kulturellen Fragen in der Stadt.

Und Klaus Dieter Böhm. Der Geschäftsmann versteht sich auf Wellness-Bäder und betreibt zusammen mit seiner Frau Liquidrom. Da kann man in lauwarmem Wasser dümpeln, sich Unterwassersphärenklänge anhören, entspannen und entkrampfen. Oder auch einfach nur saunieren. Oder in den Sternenhimmel schauen.

Das haben Moessinger und Böhm getan, als sie sich kennen lernten. Vor mehr als zehn Jahren bei einem Betriebsausflug der Tempodrom-Belegschaft in Böhms Toskana-Therme im thüringischen Bad Sulza. Da klingt es und schwingt es allenthalben, zu Wasser, zu Lande und in der Luft, und die Sterne leuchten dazu. Irene Moessinger, die selbst schon mit klugen Delphinen synchron geschwommen ist, die findet das spontan ganz toll.

Nur dass Moessinger einfach ein bisschen zu spontan ist. Für die Bauaufsicht zum Beispiel. Den Kontrolleuren vom Amt schwärmt sie so lebensnah von Feuer-Spuckern und Flammen-Performances, meterhohen Feuersäulen vor, dass die stutzen: Feuer-Performances? Flammen-Säulen? Das hält die Sprinkleranlage nicht aus – die kann nur einfache Heimatklänge löschen, wenn’s drauf ankommt. Eine größere Not-Dusche muss her, die schon eingebaute kleine muss wieder ausgebaut, die Kellerräume müssen entsprechend angepasst werden. So wie mit der Sprinkleranlage geht es mit dem Dach, der Bühne, den Zuschauerrängen, dem Beton…

Wasserklängebaumeister Klaus Dieter Böhm ist heute einer der aussichtsreichen Bewerber bei einem Verkauf des Tempodroms. Er bietet um die 2,5 Millionen Euro für das Bauwerk, Irene Moessinger und ihr Partner Waehl stehen bei dem Bauprojekt mit 1,8 Millionen Euro in der Pflicht. Bekommt Böhm den Zuschlag, bleibt zum guten Schluss doch noch alles in der Familie. Aus Versehen. Und irgendwie doch im richtigen Moment.

Am Potsdamer Platz, direkt an der Mauer, baute Irene Moessinger (links im Bild) ihr Zirkuszelt erstmals auf. Tiere, Matsch und Kultur der anderen Art machten das Tempodrom berühmt. Es gab Kinderzirkus und Konzerte von Bob Dylan oder Nina Hagen. 1984 zog das Zelt in den Tiergarten um. Fotos: Ullstein (2)/Kasperski, v.d.Becke, Steinert, dpa, d+q, Adolph-Press

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