Umstrittene Äußerungen : Sarrazin ist nah dran und doch daneben

Die umstrittenen Behauptungen des Ex-Finanzsenators zu Migranten in Berlin im Wirklichkeitstest: Was Experten sagen und Statistiken belegen.

Fatina Keilani,Annette Kögel
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Typische Karriere? Für Thilo Sarrazin ist der Gemüsehändler kein Job mit Zukunft. Er will Berlin zur Elitestadt machen – und...

Keine Äußerung zur Integration von Migranten wird derzeit so viel diskutiert wie jene von Thilo Sarrazin (SPD), Bundesbank-Vorstand und früherer Berliner Finanzsenator. Nach dem Interview mit dem Titel „Klasse statt Masse“ in der Zeitschrift „Lettre International“ prüft die Berliner Staatsanwaltschaft den Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung. Die NPD-Fraktion Sachsen will Sarrazin zum Ausländerbeauftragten machen. Andere lehnen eine inhaltliche Stellungnahme ab, weil sie seine Äußerungen pauschal stigmatisierend und rassistisch finden. Was hat Sarrazin gesagt, und wie sieht die Berliner Wirklichkeit aus? Wir gehen einigen Thesen des Ex-Senators auf den Grund.

Sarrazins Behauptung: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

Richtig ist: Ausländische Frauen haben in Berlin tatsächlich im Durchschnitt mehr Kinder als die Deutschen; sie bekommen sie auch früher. In absoluten Zahlen sind laut Statistischem Landesamt aber die Deutschen vorn: Deutsche Mütter bekamen im Jahr 2007 in Berlin 23 800 Kinder, ausländische Frauen 7300. In relativen Zahlen sieht das anders aus: Pro 1000 Frauen bekamen 40 Deutsche, aber 54 Ausländerinnen ein Baby. Sarrazin hat also mindestens in der Tendenz Recht: Wenn es so weitergeht, werden Babys von Ausländerinnen bald dominieren, zumal die Zahl der deutschen Frauen, die noch gebären können, stetig sinkt. Was den jüdischen IQ angeht, sagte die Sprecherin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Maya Zehden: „Dazu gibt es keine uns bekannte Untersuchung.“ Zur Gemeinde gehörten intellektuelle und gebildete Menschen, es gebe natürlich aber auch Menschen mit niedrigem Schulabschluss, oder ohne Job. Der Jüdischen Gemeinde seien Sarrazins Äußerungen sehr negativ aufgestoßen. „Antisemitismus ist genauso schlecht wie Philosemitismus, also positive Vorurteile.“ Die frühere langjährige Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) sagte, der Ton Sarrazins sei fatal, weil er „die Angst vor Überfremdung schüre“.

Sarrazins Behauptung: „Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

Richtig ist: Tatsächlich leben viele Migranten von staatlicher Unterstützung. In Neukölln haben 60 Prozent der Jugendlichen, die Transfers bekommen, einen Migrationshintergrund; in Nord-Neukölln lebt die Hälfte aller Einwohner von Stütze. Aber dass die Migranten diesen Staat ablehnen, lässt sich nicht belegen. Neuköllns Sozialstadtrat Michael Böge (CDU) verweist auf eine aktuelle Umfrage, nach der die Quote der Türken, die sich mit der Bundesrepublik identifizieren, höher ist als bei der deutschen Allgemeinheit. Böge gibt aber zu, dass sich frühere Fehler bei der Integrationspolitik bis heute auswirken. „Es ist sicherlich nicht verkehrt, in einigen Punkten Zwang auszuüben. Die Leute müssen unsere Sprache lernen, sie müssen zur Arbeit herangeführt werden.“ Barbara John merkt an, dass viele Migranten Arbeitsstellen hatten, die infolge der Globalisierung etwa nach Asien verlegt wurden.

Sarrazins Behauptung: „Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach 20 Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert."

Richtig ist: Hiesige Migranten haben wenig Anreiz zum Arbeiten. Eine Familie mit vier kleinen Kindern kommt auf rund 1500 Euro monatlich an Sozialhilfe plus Miete und Heizkosten; da viele Migranten schlecht ausgebildet sind, könnten sie diese Summe in der Regel durch Arbeit gar nicht verdienen.

Sarrazins Behauptung: „Es ist ein Skandal, wenn türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist. Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert.“

Richtig ist, nach Ansicht des Bildungsexperten Wolfgang Harnischfeger: „Viele türkische Schüler akzeptieren Frauen nicht so als Autorität wie Männer“, da habe Sarrazin teils recht. „Es gibt Menschen, denen Bildung nicht so wichtig ist, und deren Zahl ist bei Migranten höher.“ Die Äußerungen seien in ihrer Pauschalität dennoch inakzeptabel. Es gebe auch das Gegenteil: „Ich kenne in großer Zahl bildungswillige Türken. Es gibt eine türkische Mittelschicht, die verstanden hat, dass Bildung der Schlüssel zu allem anderen ist.“ Harnischfeger war Direktor des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz. Einem von Sarrazins Vorschlägen stimmt er zu: „Ich würde das Kindergeld streichen und das Geld für beitragsfreie Kitas, gut ausgestattete Schulen und Mittagessen für alle Schüler ausgeben.“

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, wollte sich zu Sarrazins Auslassungen nicht äußern – obwohl er für gewöhnlich teils auch selber kritisch auf seine hier lebenden rund 2,9 Millionen Landsleute schaut. Er wollte nicht sagen über die eigenen zahlreiche Integrationsprojekte, über den bundesweiten Bildungstag am Sonnabend. Nur so viel sagte Kolat: „All jene, die sich bei uns seit Jahren um Integration bemühen, stehen unter Schock.“ Migranten haben Angst vor neuer Polarisierung, sogar vor Anschlägen. Sarrazin habe „viel Porzellan zerschlagen“. Die Gemeinde plane Aktionstage und Demos – gegen Sarrazinsches Gedankengut.

Sarrazins Behauptung: „Türkische Anwälte, türkische Ärzte, türkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren. So aber geschieht nichts.“

Richtig ist: Es gibt unter den türkischstämmigen Migranten immer noch wenige Akademiker. Durch den Wegfall industrieller Arbeitsplätze seien viele Migranten „die Verlierer der Wende“, sagt Günter Piening, Berlins Integrationsbeauftragter. Trotzdem habe sich „völlig lautlos eine Oberschicht und ein Mittelstand etabliert“. Deren Angehörige wollen oft nicht mehr mit dem Türken-Klischee und der eigenen Community identifiziert werden. Die frühere Ausländerbeauftragte Barbara John empfiehlt dringend, die Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen im Blick zu behalten. In dieser Gruppe sei nahezu jeder zweite türkische Berliner arbeitslos. Das liegt aber auch an dem hohen Anteil von Hauptschülern, die ohne Abschluss abgehen. „Ich finde es jedenfalls haarsträubend, dass Sarrazin Obst- und Gemüsehändler geringschätzt. Sie machen den Job, den viele Deutsche nicht machen wollen, arbeiten von morgens um Drei bis nachts um Zehn.“

Sarrazins Behauptung: „Die Stadtreinigung räumt jeden Montag im Tiergarten 20 Tonnen Hammelreste der türkischen Grillfeste weg.“

Richtig ist: Die Stadtreinigung ist gar nicht zuständig, sondern der Bezirk, und Mittes Stadtrat Ephraim Gothe sagt: „20 Tonnen Hammelreste sind Quatsch. Es stimmt aber, dass nach schönen Wochenenden tonnenweise allgemeiner Müll anfällt. Die Zahl 20 Tonnen ist dennoch mit Sicherheit zu hoch gegriffen.“

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