Berlin : Umzug des Bundesrates: Die Länder sind in Berlin angekommen

Christian van Lessen

Immer wieder zieht das stattliche Gebäude an der Leipziger Straße die Blicke auf sich. Es gibt Touristen, die glauben, hier säße die Berliner Landesregierung. Der repräsentative Bau mit der eleganten Vorfahrt an einer gepflegten Grünfläche wirkt eben wie ein Regierungssitz. Tatsächlich sind hier nicht eine, sondern gleich 16 Regierungen vertreten, die der deutschen Bundesländer. Seit gestern ist der Bundesrat, die Kammer der Länder, vier Jahr nach ihrem Umzugsbeschluss, offiziell in Berlin "angekommen".

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich zur feierlichen Eröffnung angesagt, Sachsens Regierungschef und Bundesratspräsident Kurt Biedenkopf, der sich schon Mitte Juli im fast fertigen Haus umgesehen hatte, übernahm den symbolischen Schlüssel für das frühere Preußische Herrenhaus. Er ist der oberste Hausherr, Mit-Hausherr aber ist natürlich auch der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, der sich über die Wiedererweckung des Gebäudes freute. Zur Eröffnungsfeier am Nachmittag hatten sich auch Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, angekündigt.

Seitdem das Bauwerk im neuen Glanz erstrahlt, wird vielen Betrachtern erst bewusst, welcher architektonische Schatz dort viele Jahrzehnte im Schatten der Mauer verkümmerte. Nach dem Mauerfall und dem Beschluss, Regierung und Parlament nach Berlin zu verlegen, schien die Zukunft des Bauwerks ungewiss. Etliche Bundesministerien machten sich Hoffnungen. Bis der Bundesrat mit seiner späteren Entscheidung, auch von Bonn nach Berlin umzuziehen, das Haus aus dem Dornröschenschlaf weckte.

Biedenkopf hatte schon bei seiner Visite im Sommer von einem "großen Tag für den Bundesrat" gesprochen, gestern nun war es ein noch größerer Tag. Rund 200 Millionen Mark hatte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in den Umbau nach Plänen der Architekten Schweger und Partner investiert. Das Gebäude, zwischen 1899 und 1904 als Sitz der ersten Kammer des Preußischen Landtags, des so genannten Herrenhauses, nach Plänen des Architekten Friedrich Schulze-Colditz erbaut, war im Krieg schwer beschädigt worden. Nach dem teilweisen Wiederaufbau hatte die Akademie der Wissenschaften der DDR den Westflügel und den Mitteltrakt genutzt, der Ostflügel wurde Ende der 50er Jahre abgeteilt und dem Haus der Ministerien - heute Sitz des Bundesfinanzministeriums - zugeordnet.

Durch zahlreiche Umbauten ließ sich der baukünstlerische Rang des Gebäudes nur noch erahnen, als der Umbau begann. Die mehrgeschossige Wandelhalle war beispielsweise mit einer Zwischendecke versehen worden, um den oberen Bereich als Küche nutzen zu können. Architekt Peter Schweger erkannte, dass der alte Grundriss - Eingangshalle, Wandelhalle und Plenarsaal - durchaus geeignet war, die parlamentarischen und repräsentativen Bereiche des Bundesrats aufzunehmen.

Vom alten Plenarsaal, dem eigentlichen Zentrum des 170-Personen-Gremiums, ist aber heute fast nichts mehr vorhanden. Im Krieg war er weitgehend zerstört worden, beim Aufbau wollten die Architekten den historischen Zustand "neu interpretieren". Der Saal sieht modern aus, erinnert aber mit seinen Achsen und seiner Symmetrie an den Vorgänger. Wirkte dieser geschlossen und "introvertiert", soll der neue nach Auffassung der Architekten mit gleichmäßigen Wandöffnungen und einem pyramidenförmigen Glasdach das Demokratieverständnis unserer Zeit darstellen. Die Sitze sind in geschwungener U-Form angeordnet, für die einzelnen Länder sind 16 Bereiche vorgesehen. Im zweiten Obergeschoss befinden sich, dem historischen Vorbild folgend, auf drei Seiten die Besuchertribünen.

Am Freitag, dem 5. November, kommt der Bundesrat erstmals im neuen Haus zusammen. Bis zum Jahresende sind noch zwei weitere Sitzungen vorgesehen.

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