Berlin : Unaufgeregte Küche - handwerklich korrekt, aber auch keine Glanztaten

Bernd Matthies

Meinekestraße 7, 10719 Berlin-Charlottenburg, Telefon 883 33 21, geöffnet: 12-1 Uhr, an Feiertagen ab 18 Uhr, sonntags meist geschlossen. Reservierung ratsam, Kreditkarten: keine AngebenBernd Matthies

Im Trubel der Eröffnungen und Schließungen und Chefköchewechsel geraten Restaurants, in denen die Mannschaft einfach nur ganz ruhig vor sich hinwerkelt, oft aus dem Blickfeld. Wir merken das immer daran, daß irgendein verläßlicher Zeuge sagt, er kenne all diese neuen Läden überhaupt nicht, weil er seit Jahrzehnten immer nur im Dingsda sitze und damit sehr zufrieden sei. Und überhaupt, sagt er dann weiter, gehe er schon deshalb immer dorthin, weil seine amerikanischen Freunde diesen Betrieb einfach lieben, you know?

Halt! Hier ist weder von der Paris-Bar noch von Borchard die Rede, sondern vom "Diekmann" in der Meinekestraße, das trotz seiner unauffälligen Erscheinung und trotz des Verzichts auf jeden Rummel praktisch immer ausgesprochen gut besucht ist. Mein letzter Besuch liegt Jahre zurück, und ich erinnere mich nur noch dunkel daran, daß ich das Essen im wohlkonservierten Interieur des ehemaligen Kolonialwarenladens ganz in Ordnung fand.

Daraus, so scheint mir, ist inzwischen eine eigene Qualität geworden. Das gemächliche Pendeln zwischen deutschen und französischen Einflüssen auf der Basis gediegener Solidität ergibt eine unaufgeregte Küche, in der kreative Glanztaten genauso unwahrscheinlich sind wie handwerkliche Pannen. Möglich ist allenfalls, daß der schnelle und kundige, aber sehr knapp besetzte Service unter Druck in Not gerät: Wenn an einem Achter-Tisch jeder Gast einzeln zu bezahlen wünscht, geht für eine Weile nichts mehr. Da wir aber schon getröstet wurden, noch bevor wir überhaupt Grund zum Mäkeln hatten, kann es nicht sooo schlimm gewesen sein.

Was mich am meisten für diese Küche einnimmt, ist der Verzicht auf das rituelle Geschnirkel und Geschnörkel, mit dem unsichere Köche ihre Wackler zu überspielen versuchen. Alles schmeckt gut, wenn ich auch da und dort eine etwas entschlossenere Würzung, einen ungewöhnlichen Akzent vermißt habe. Die "Terrine Maison" aus Hecht und Lachs blieb deshalb ein wenig blaß und fiel hinter das sehr gelungene Karottenparfait mit Salat und exakt rosa gebratener Geflügelleber zurück.

Aber Fisch ist ohnehin nicht der Schwerpunkt dieses Betriebs, denn die frische, gradlinig gebratene Seezunge mit Fenchel war an diesem Abend das einzige Hauptgericht aus dem Wasser. Sie war gut gelungen, allerdings ist der rote Camargue-Reis in Abwesenheit jeglicher Sauce nicht gerade die optimale Begleitung.

Höhepunkt zweifellos: das supersaftige Bio-Schweinekotelett mit Trüffelsauce und Gemüsenudeln, wieder einmal der Beweis, daß das Borstentier in der gehobenen Küche ganz zu Unrecht mit Hausverbot belegt ist. Auch die Desserts passen ganz in die Linie gemäßigter Konservativität: Grießflammeri ist obligatorisch, aber es kommt hier natürlich nicht als mopsiger Klops à la Schulkochbuch, sondern locker-leicht durch Gelatine zusammengehalten. Erstklassiges Praliné-Eisparfait. Schade, daß die knappe Weinkarte ein bißchen sehr verbissen auf französische Klassiker, speziell mittlere Bordeaux aus den problematischen Jahrgängen 1991 bis 1993, setzt. Zu entdecken gibt es da kaum etwas, wenn wir auch mit einem sehr guten Pouilly-Fumé für angemessene 56 Mark gut bedient waren.

Bilanz: Das gehobene Großstadt-Bistro für alle Fälle und der Beweis, daß legere, gesellige Atmosphäre nicht gleichbedeutend sein muß mit schlampigem Essen. Berlin könnte davon noch mehr vertragen. Ich würde nicht zögern, Gäste hinzuführen. Deutsche und amerikanische.

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