Berlin : Unerhört – das Bartscheren soll neun Pfennige kosten!

Zeitreise durch Berlin (4): Wenn Anton von F. im Café Stehely zu einer Meerschaumpfeife die Journale studiert, wird ihm die Zeit nie lang. Soeben hat der ehemalige „Kartätschenprinz“ den geisteskranken König Friedrich Wilhelm IV. abgelöst, und aus der Spree wurde mal wieder eine unvorsichtige Wäscherin gerettet

Holger Wild

Anton von F. wählte einen Platz am Fenster. Zwar war der Morgen grau wie am Vortag, doch heller als unter den Gaslampen über den hinteren Tischen des Cafés Stehely in der Charlottenstraße 53 war es allemal. Auch liebte es Anton, beim Lesen der Zeitungen immer wieder auf die Straße und den Trubel der Großstadt zu blicken, dieses wimmelnde Treiben, gegen das selbst seine Heimatstadt Breslau in geradezu ländlichem Schlaf befangen schien. Eine halbe Million Menschen lebten in Berlin; und an manchen Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, jeder zweite von ihnen sei just auf seinen zwei Beinen unterwegs.

Doch heute am Sonntag, zur Vormittagsstunde, war das Geklapper der Fuhrwerke auf dem Pflaster noch mäßig, die Zahl der Laufburschen, Hausknechte, Dienstmädchen und Botengänger noch überschaubar. Anton orderte einen Kaffee türkischer Art sowie eine Pastete, dazu ließ er sich die „Vossische“ und die „Kreuz-Zeitung“ kommen. Er wollte die Nachricht, die sich am Vortag in der Stadt verbreitet hatte, noch einmal in Ruhe lesen; schien sie doch eine neue Zeit anzukündigen. König Friedrich Wilhelm IV. hatte am Freitag, dem 23. Oktober 1857, mit Allerhöchstem Erlass seinem Bruder Wilhelm, dem Prinzen von Preußen, „die Stellvertretung in der obern Leitung der Staatsgeschäfte übertragen“. Anton grinste: Es sah der „Kreuz-Zeitung“ ähnlich, die Berichterstattung darüber mit dem täglichen Bulletin über das Befinden seiner Majestät zu eröffnen: Dieses sei „in hohem Maße befriedigend“; gez. Dr. Schönlein, Dr. Grimm, Dr. Weiß. Ganz im Sinne des Hofes formulierten die Redakteure: „dass wir – Gott sei Dank! – mit Grund auf die völlige Wiederherstellung Sr. Majestät hoffen dürfen“. Anton war kein Mediziner, vielmehr seit diesem Semester Student der Jurisprudenz an der Königlichen Universität, aber was aus Sanssouci über den fortschreitenden Geistesverfall des Königs ruchbar geworden, ließ auf seine Genesung vom Schwachsinn kaum rechnen.

Wilhelm also, der „Kartätschenprinz“. Anton zog seine Meerschaumpfeife aus dem Rock und hüllte sich in Schwaden feinen Sumatra-Tabacks, den er sich mit den monatlichen Post-Anweisungen seines Vaters eben noch leisten konnte. Er selbst war noch Kind gewesen in jenen Märztagen anno ’48, als das Fieber der Revolution durch Deutschland raste. Doch hatte er oft genug davon erzählen hören; und auch, dass Wilhelm, Prinz von Preußen, damals der meistgehasste Mann Berlins gewesen sei. Ein ultrakonservativer Kasernenkopf, Führer der Reaktion – einer, der sich nicht scheute, mit Kanonenladungen aus gehacktem Blei, Kartätschen also, auf Landsleute schießen zu lassen, wie 1849 bei der Niederschlagung des Aufstands in Baden. War nun aber auch schon 60 und hatte sich, so die Einschätzung von Antons Professor K., in den letzten Jahren der liberalen Partei genähert. Dazu passte, was Anton am Vortage gehört hatte – in der Zeitung lesen konnte er es freilich nicht: dass Innenminister Ferdinand von Westphalen, der Erzreaktionär und Exponent der Junkerschaft im Kabinett, sich anfangs heftig dagegen gesträubt habe, jene Urkunde zu unterzeichnen, die die Regierungsgewalt auf Prinz Wilhelm übertrug.

Von draußen drang Geschrei ins Café. Eine Straßenecke von Antons Sitzplatz entfernt war in der jetzt stark belebten Charlottenstraße ein Pulk von Fuhrwerken ineinander gefahren. Frachtwagen standen da, hoch beladen mit Stoffballen, die Karren von Marktleuten, einige Kutschen, wohl auch eine prächtige Equipage. Ein livrierter Diener stand heftig gestikulierend am Straßenrand und redete auf einen Polizisten ein, der wie immer in Berlin nicht weit war, dem Tumult indes auch keine Abhilfe schaffen konnte. Und mitten aus dem Durcheinander von Menschen, Gäulen und Fuhrwerken ragte ein Pferde-Omnibus auf; wie einer jener Elefanten, die Anton unlängst mit seiner Mathilde im Zoologischen Garten bestaunt hatte. Oh, er konnte sich gut vorstellen, wie die Bürgerinnen, die im Omnibus mit ihren Töchtern auf Ausflugstour waren, denselben die Ohren zuhielten vor den derben Flüchen der Fuhrleute. Die Maulfertigkeit, aber auch Grobheit der hiesigen Bevölkerung war Anton schon in den ersten Tagen seines Aufenthalts aufgefallen. Ebenso, dass der Berliner Verkehr selbst weniger empfindsamen Naturen die Nerven zerrütten konnte. Ein Malheur wie dort vorn war keine Ausnahme; erst am Dienstag hatte er miterlebt, wie in der Münzstraße ein Pferd durchging und erst in einem Cigarren-Geschäft zu stehen kam.

So wenig er die politische Haltung der „Kreuz-Zeitung“ teilte, so gerne studierte Anton doch die kleinen Meldungen, die mit „Berliner Zuschauer“ überschrieben waren. Der Schlossermeister Giesicke habe unter Gefahr seines Lebens ein Mädchen aus dem Wasser der Spree gerettet, las er und dachte schon: Wieder so ein armes romantisches Ding, das einem der Herren Kavallerie-Leutnants zu nahe gekommen war – bis er erkannte, dass sich diesmal nur ein Unglück beim Wäschewaschen zugetragen hatte. Der „Verein zur Beförderung der Federviehzucht“ werde in der Leipziger Straße eine Ausstellung veranstalten. Die Tempelhofer Straße vom Halleschen Thor nach dem Kreuzberg solle bis zur Dragoner-Kaserne durch einen beidseitigen Reitweg verbessert werden.

Die Barbiers-Innung habe beschlossen, fürs Bartscheren statt sechs künftig neun Pfennige zu verlangen – Anton bekam einen kurzen Schreck. Jedoch gebe es in Berlin auch viele zunftfreie Barbiere. Und siehe an: Auch die Feuerwehr von Elberfeld sollte bald nach dem erprobten Muster der Berliner eingerichtet werden, wie schon die in Memel, Königsberg, Stettin. Das gleiche könnte sein Vater im Breslauer Rat einmal anregen, dachte Anton. Denn so strikt und alle liberalen Unternehmungen erstickend das Regiment des Polizeipräsidenten Karl Ludwig von Hinckeldey gewesen sein mochte – woran sich nach seinem Duell-Tod im Vorjahr nichts geändert hatte –, die Straßenreinigung hatte er doch beträchtlich verbessert: Im letztem Jahr trat der Contract mit der englischen Firma Berlin-Waterworks-Company in Kraft. Mehr als 100 Kilometer Rohrleitung hatte das Unternehmen bereits vom Wasserwerk in Stralau aus verlegt, versorgte so die Feuerwehr – und spülte Dreck und Kot aus den Rinnsteinen der Straßen. Die Rattenplage sei bereits merklich zurückgegangen, meinte Professor K. Im Gegenzug hatte die Company die alleinige Concession der Wasserlieferung an die privaten Haushaltungen erhalten. Nicht wenige wohlhabende Häuser der Stadt erfreuten sich nun der hygienischen, modernen und so kommoden Versorgung mit fließendem Wasser; manche hatten sogar schon ein Water-Closet. (Antons Wirtsfrau in der südlichen Luisenstadt konnte von solchen Annehmlichkeiten freilich nur träumen.) Professor K. hatte gleichwohl registriert, dass manche Bürger sich angesichts der Rinnstein-Spülung verleitet fühlten, die Kosten der Fäkalien-Abfuhr zu sparen und dazu übergingen, ihre Nachttöpfe auf die Straße zu entleeren.

Anton gönnte sich ein Glas Tokaier und stopfte sich eine weitere Pfeife. Auf der Charlottenstraße strebten am milden Nachmittag Spaziergänger den „Linden“ zu. Honorable Herren im Paletot, am Arm ihre Gattinnen, deren Putzmacherinnen accurat à saison arbeiteten, manierliche Söhne und Töchter, die im blühenden Wirtschaftsleben der preußischen Hauptstadt einer einkömmlichen Stellung, einer guten Partie nahezu gewiss sein konnten. Dazwischen Zettelankleber mit Leimtöpfen aus Messing am Gürtel, im Arm Werbeplakate frisch aus der Presse, die sie an die Anschlagsäulen des Verlegers und Buchdruckers Ernst Theodor Litfaß kleisterten: auch diese ein Musterbild Berliner Innovationsgeistes, wie Anton fand. Schon die Zeitungen liefen ja geradezu über vor Annoncen, mehr als zwei Dutzend Seiten waren es auch heute wieder in der „Vossischen“. Eine Eisenbahngesellschaft bat um Offerten zur Lieferung ihres gesamten Papierbedarfs im kommenden Jahr. Ladenbesitzer zeigten Ware exquisitester Qualität und neuesten Fabrikats an, eingetroffen aus dem halben Erdkreis. Theater, Etablissements und Musik-Lokale warben für „öffentliche Vergnügungen“ ums angelegentliche Publikum. Jene Hundertschaften von Annoncen waren es, die für Anton die Seele dieser Stadt Berlin recht eigentlich ausmachten.

Rückwärts im Café schlug die Uhr viere. Zeit, sich aufzumachen. In einer viertel Stunde war er mit Mathilde am neuen Denkmal Friedrichs des Großen Unter den Linden verabredet.

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