Berlin : Unerwartete Laufbahn

Bei Wertheim bekommen Jugendliche mit Behinderung eine Chance als Azubi

Jeannette Krauth

Die Knete hat sie gefunden. Nach der Gummimasse hat ihr erster Kunde an ihrem ersten Tag gefragt. Dann hat sie ein Regal aufgebaut, darauf steht jetzt „Tinti, das Knisterbad“. Ihr Arbeitsplatz ist die Spielwarenabteilung bei Wertheim am Ku’damm. Seit Mittwoch ist Theresia Rödiger hier auszubildende Verkäuferin – und „ganz schön stolz, es bis hierher geschafft zu haben“.

Eine Lehrstelle ist heutzutage sowieso ein Glück – aber für Theresia Rödiger schien sie fast unerreichbar. Man sieht es ihr nicht an, aber sie ist schwerbehindert, hat Rheuma. „Abends schmerzen meine Gelenke, das fühlt sich an wie ein heftiger Muskelkater“ sagt die 19-Jährige. Die junge Frau hatte ursprünglich vor, einen Beruf im Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin zu erlernen. Ein üblicher Weg für körperbehinderte Menschen: Das Berufsbildungswerk mit Oberschule und Berufsschule bildet junge Menschen mit Behinderung aus, die nach bisherigem Verständnis auf dem Arbeitsmarkt chancenlos sind. Das könnte sich mit einem neuen Projekt nun ändern: Ausgewählte Auszubildende gehen in Betriebe und absolvieren nur den Berufsschul-Teil im Bildungswerk. Bei Wertheim beginnen in diesem Monat zehn, bei Total Deutschland zwei Auszubildende mit Handicap ihre Ausbildung.

„Das Konzept hat Vorbildcharakter, ist ein ganz großartiger Schritt“, sagt der Landesbeauftragte für Behinderte, Martin Marquard. Eine Ausbildung nur im Berufsbildungswerk bliebe oft fernab der Wirklichkeit, weil dort ein Arbeitsalltag nur simuliert wird. Der Einstieg in die reale Arbeitswelt sei danach oft schwer. Am neuen Konzept sei ideal, dass die Azubis gleichzeitig besonders betreut werden und die Praxis kennen lernen. Auch baue das Programm Berührungsängste ab.

Dass die existieren, dafür sprechen die Zahlen: Per Gesetzgeber sind Betriebe ab einer Größe von 20 Mitarbeitern dazu verpflichtet, 5 Prozent der Arbeitsplätze an Schwerbehinderte zu vergeben. In der freien Wirtschaft liegt die Quote in Berliner Betrieben bei durchschnittlich 3,6 Prozent. Anders gesagt: Es müssten weitere 9000 Arbeitsplätze durch Schwerbehinderte besetzt sein. Stattdessen zahlen die Betriebe monatlich zwischen 120 und 250 Euro als „Ausgleichsabgabe“.

Die Personalleiterin bei Wertheim, Susanne Krusch, hatte keine Berührungsängste. Zwar sieht man ihren Azubis die Einschränkungen nicht an; sie wollte aber auch einen Jungen mit offensichtlichen Verbrennungsnarben einstellen. Der konnte aus medizinischen Gründen dann doch nicht zusagen. Die Personalleiterin hat sich aber gefragt, „welche besonderen Grenzen es gibt“. Kaum eine, das zeigen ihre neuen Angestellten: Christian Flix etwa, der sonst seine Schwester beim Outfit berät, und jetzt in der Herrenoberbekleidung lernt. Für sein Asthma sei die klimatisierte Luft im Kaufhaus sogar günstig. Oder Sebastian Stollin. Er hat chronische Rückenschmerzen, gegen die er trainiert: „Ich habe Muskeln im Rücken wie andere in den Oberarmen“. Jetzt verkauft er Porzellan – und das war sein „Traumjob“. Mit Kunden kommunizieren, das sei sein Ding, sagt er. Und er komme auch gut bei denen an.

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