Unfälle mit Straßenbahnen : BVG lässt sich Zeit mit Fahrerassistenzsystem

Straßenbahnen sollen künftig vor Gefahren gewarnt werden – und somit automatisch Unfälle vermeiden. In Frankfurt am Main läuft das neue System schon an. Doch die BVG hat ganz andere Sorgen. Ihr fehlen Fahrer.

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Achtung am Gleis: So mancher unterschätzt die Straßenbahn.
Achtung am Gleis: So mancher unterschätzt die Straßenbahn.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Straßenbahnfahrerin sah den alten Mann und warnte ihn durch Dauerklingeln vor dem Überqueren der Gleise. Zudem bremste sie stark. Der 91-Jährige reagierte nach Angaben der Polizei am Freitagabend jedoch nicht. Ob die Bahn den Rollator des Mannes berührt hatte, konnte die Fahrerin nicht sagen. Der Mann stürzte jedenfalls und erlitt einen Nasenbeinbruch sowie einen Schock. Auch die Fahrerin musste wegen eines Schocks ins Krankenhaus.

Um solche – oder schlimmere – Unfallgefahren zu verringern, hat Bombardier ein Fahrerassistenzsystem entwickelt, das jetzt in Frankfurt am Main eingeführt wird. Die BVG will sich damit noch Zeit lassen. Im vergangenen Jahr gab es 301 Unfälle mit Straßenbahnen, dabei wurden laut Verkehrsunfallzahlen der Polizei 107 Personen leicht und 30 schwer verletzt. Tote waren nicht zu verzeichnen.

Warnsignal bei Gefahr

Das System besteht aus mehreren vernetzten Stereo-Kameras, die Personen oder Gegenstände auf den Gleisen oder in der Umgebung erkennen. Wird eine Kollisionsgefahr diagnostiziert, ertönt ein Warnsignal für den Fahrer. Dieser – oder sogar das System – können dann die Bahn bremsen. Es soll den Fahrer unterstützen, vor allem, wenn dieser abgelenkt sein sollte.

Das Fahrerassistenzsystem ist von Bombardier gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology in Wien in einer mehrjährigen Forschungsarbeit entwickelt worden. Es sei in der Lage, Fahrzeuge und Personen, aber auch kleine Gegenstände wie etwa Fußbälle zu erkennen, das Gefahrenpotenzial selbstständig zu beurteilen und darauf entsprechend zu reagieren, wirbt Bombardier für sein Produkt. Das System wirke auf Entfernungen von mehr als 60 Metern. Dabei sei es strahlungsempfindlich. Auch die Autoindustrie tastet sich an solche Systeme heran, die ein Baustein für das automatische Fahren sind.

BVG will System ausprobieren

In Frankfurt am Main war es seit September 2014 getestet worden. Der Verkehrsbetrieb habe dann entschieden, insgesamt 74 Bahnen einer bestimmten Baureihe damit auszustatten. Vor wenigen Wochen habe die Technische Aufsichtsbehörde das Fahrerassistenzsystem weltweit für Schienenfahrzeuge zugelassen.

Grüne Straßenbahn
Zwei Künstlerinnen bepflanzten einen Straßenbahn-Waggon der Linie M2 an der Endhaltestelle Alexanderplatz. Farn und Efeu ranken nun über die Sitzbänke und aus den Fenstern hinaus.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Doris Spiekermann-Klaas
07.09.2011 15:43Zwei Künstlerinnen bepflanzten einen Straßenbahn-Waggon der Linie M2 an der Endhaltestelle Alexanderplatz. Farn und Efeu ranken...

Auch die BVG will dieses System an zwei Bahnen ausprobieren, sagte Unternehmenssprecherin Petra Reetz. Einen Termin kann sie aber noch nicht nennen. Noch seien nicht alle Fragen geklärt, sagte sie. In Frankfurt am Main gebe es die meisten Unfälle durch Auffahren, in Berlin dagegen komme es vor allem durch linksabbiegende Autofahrer zu Zusammenstößen mit der Bahn. Hierauf müsse das Fahrerassistenzsystem angepasst werden.

Es hat keine Priorität

Zudem seien noch nicht alle datenschutzrechtlichen Probleme beseitigt, die durch die Aufnahmen der Kameras, die auch unbeteiligte Personen erfassen können, entstehen können. Die Sprecherin des Berliner Datenschutzbeauftragten, Maria Gardain, sagte dazu, Bombardier habe das System im vergangenen Oktober vorgestellt. Gegen einen Einsatz habe man keine Bedenken, da keine personenbezogenen Daten erhoben würden.

Für die BVG hat das System aber auch keine Priorität. „Wir haben zurzeit andere Sorgen“, sagte Reetz – und meine damit den Fahrermangel. Er führte, wie berichtet, dazu, dass in den vergangenen Monaten zahlreiche Fahrten ausfielen. Der Mangel ist unter anderem entstanden, weil mehr Fahrer als angenommen die Rente mit 63 genutzt haben. Und der technische Assistent kann den Fahrer nur unterstützen, aber – noch lange – nicht ersetzen.

Fahrer werden fast überall gesucht

Bis Ende des Jahres sollen etwa 60 weitere Fahrer ausgebildet sein, sagte Reetz. Die Lage ist ähnlich angespannt wie in den vergangenen Jahren bei der S-Bahn. In ihrer Not hat die BVG sogar andere Betriebe gefragt, ob sie mit Personal aushelfen können. Doch Fahrer werden fast überall gesucht. Sogar der einstige Vorzeigebetrieb in Karlsruhe musste in den zurückliegenden Wochen Fahrten streichen.

Die BVG hat reagiert – und lässt nun zumindest in den Ferien bei den Linien 18 (Riesaer Straße–Springpfuhl) und 67 (Schöneweide–Krankenhaus Köpenick) die Sonnabend-Fahrten planmäßig ausfallen; sonntags herrschte schon vorher auf diesen Linien Ruhe. Auch auf anderen Linien gilt, wie stets in den Ferien, häufig ein besonderer Fahrplan mit weniger oder verkürzten Fahrten. Allerdings sind die Fahrpläne mit den Einschränkungen nicht immer in den elektronischen Auskunftssystemen berücksichtigt.

Da ist das Fahrerassistenzsystem schon weiter.

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