Berlin : Ungarische Botschaft: Ecke mit Torblick

Holger Wild

Bescheidenheit und Offenheit, das ist für ein kleines Land in Mitteleuropa nicht nur eine Zier. Sie sind nachgerade unabdingbar - und doch nicht weniger sympathisch. Während sich in Sichtweite der Ungarischen Botschaft Unter den Linden die Britische Vertretung in der Wilhelmstraße höchst zugeknöpft gibt; während die Franzosen am Pariser Platz - die am Freitag Richtfest feiern - ein Gebäude mit Aplomb errichten, geben sich die Ungarn fein, zurückhaltend und einladend. Bezogen schon im Juni, wird das neue Gebäude der Ungarischen Botschaft heute von Premierminister Viktor Orban und 1500 Gästen feierlich eröffnet.

Erinnert man sich an den Vorgängerbau mit seiner abweisend undurchsichtigen Aluminium-Glas-Vorhangfassade und der hermetisch dichten Erdgeschossfront, dann muss man bei allem Respekt vorm Denkmalschutz die Entscheidung von 1998 gutheißen, dieses Zeugnis der DDR-Moderne von 1965 zum Abriss freizugeben. Der großzügig verglaste, öffentlich zugängliche Eingangsbereich des Neubaus passt so viel besser zum sich wiederentwickelnden Boulevardcharakter der "Linden". Hier, im Foyer, wird es Ausstellungen geben, im Lichthof weiter hinten andere kulturelle Veranstaltungen. Dieser ist in der gesamten Gebäudehöhe von fünf Stockwerken zum Außenhof hin verglast und durch ein Glasdach gedeckt. Im ersten bis dritten Geschoss schieben sich bis zur Diagonale Wintergärten mit Balkonen in den Lichthof, im vierten entsteht so eine dreieckige Terrasse.

Von "Lockerheit im Innenraum" spricht der Botschafter Gergely Pröhle, im Gegensatz zu der "preußischen Strenge" der Fassade des zweiflügeligen Gebäudes. Sie folgt sowohl an den "Linden" wie an der Wilhelmstraße den baulichen Gestaltungsvorschriften des Senats. Das heißt, es gibt einen deutlichen Gebäudesockel über das Erd- und das erste Geschoss, eine Mittel- und die Abschlusszone des fünften Stocks. Die stehenden Fenster sind in die Fassade geschnitten und nicht bündig verglast, das Gebäude ist außen wie innen mit gelblich-grauem ungarischen Kalkstein verkleidet. Einzig die gläserne Ecke zum Brandenburger Tor hin verletzt die Vorschriften, aber diese steinern zuzubauen wäre auch zu schade um den Blick gewesen.

Auf 10 155 Quadratmetern Bruttogeschossfläche hat der ungarische Architekt Adam Sylvester außer Konferenz- und Veranstaltungsflächen und Räumen für 15 Diplomaten und 23 weitere Mitarbeiter auch zehn Wohnungen (zur Wilhelmstraße) untergebracht, davon fünf für Gäste.

Wo aber bleiben die "nationalen Merkmale", die man, so der Botschafter, bei Botschaftsgebäuden gemeinhin unterzubringen sucht? Ganz einfach: Es sind die blaugrün schillernden kleinen Keramikelemente, Kreise und Rauten, die als dezenter Schmuck die Fassade akzentuieren. Hergestellt in den berühmten Zsolnay-Werkstätten, wurden sie schon von den Architekten der Sezession gerne zum Dekor eingesetzt.

Die 33 Millionen Mark Baukosten aber bezahlte, ebenso wie die Residenz des Botschafters und Diplomatenwohnungen in anderen Teilen der Stadt, nicht die Republik Ungarn. Sondern die EP Euro, ein Investor, der dafür neben der Botschaft ein Geschäfts-, Büro- und Wohngebäude mit Tiefgarage errichten und vermarkten durfte. Ungarn benötigte diese andere Hälfte seines Filet-Grundstückes nicht mehr; so nutzte es sie zur Finanzierung. Das Gebäude Unter den Linden 74 soll in wenigen Wochen ebenfalls fertiggestellt sein.

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