Berlin : Unter Teeologen

Ob grün oder schwarz, mild oder würzig: Brühend heiße Tipps für Genießer

Sebastian Leber

„Abwarten und Tee trinken“ – den Spruch kennt doch jeder. Viel besser gefällt Claudia Priemer aber, was der chinesische Gelehrte Tien Yiheng gesagt hat: „Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen.“ Treffender könne man die beruhigende Wirkung einer Tee-Zeremonie nicht beschreiben, glaubt die Germanistikstudentin. Sie trinkt mindestens sechs Tassen pro Tag, besonders gerne in Stress-Situationen: „Wenn andere loshetzen, gönne ich mir erst mal eine Tasse.“ Davon abgesehen schmecke Tee besser als jedes andere Getränk. Vorausgesetzt, man kennt die richtigen Läden.

Zum Beispiel die Tadshikische Teestube im Palais am Festungsgraben. Hier sitzen die Gäste auf Kissen und Teppichen, an den Sandelholzwänden hängt asiatische Malerei. Und weil das Wasser in Berlin so kalkhaltig ist, wird es speziell gefiltert, bevor Teeblätter hineingegeben werden. „Man merkt es daran, dass sich in der Tasse keine dunklen Ränder ablagern.“ Vor allem aber können sich die Aromastoffe des Tees eher freisetzen. „Eine kleine Oase“ nennt Claudia Priemer die Tadshikische Teestube. Leider seien solche Häuser in Berlin sehr selten. „Meistens bekommt man für zwei Euro einen Beutel ins Wasserglas geknallt.“

Wenn auf die Zubereitung von Tee nur halb so viel Mühe verwendet würde wie auf die von Latte Macchiato, wäre schon viel gewonnen, sagt Frank Benjowski, Inhaber eines Teegeschäfts. Immerhin hat er im Laufe der Jahre einige Lokale entdeckt, bei denen der Tee nicht aus dem Beutel kommt: das UCS am Zionskirchplatz etwa oder das Marinehaus am Märkischen Ufer. Wenn er sich selbst beschenken will, geht Benjowski ins Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Da gibt es jeden Tag klassischen britischen „Afternoon-Tea“. Natürlich kann er auch seinen eigenen Laden empfehlen: Im „Benjowski Teehandelshaus“ in Prenzlauer Berg verkauft er neben hunderten Teesorten auch jede Menge Zubehör wie Porzelankannen und Keramikschalen. „Man trinkt schließlich Wein auch nicht aus dem Zahnputzbecher.“ Überhaupt habe Tee hierzulande mehr Aufmerksamkeit verdient. „Er ist so vielseitig, erfrischend, hat keine Kalorien – was will man mehr?“ Im Vergleich zu anderen Nationen ist Deutschland tatsächlich noch Tee-Entwicklungsland: Gerade 250 Gramm verbraucht jeder Bundesbürger durchschnittlich im Jahr, und diese Zahl hat er zu einem guten Teil den Ostfriesen zu verdanken. Die trinken gleich zehnmal so viel wie andere. Weltmeister im Teetrinken sind übrigens nicht die Briten, sondern die Paraguayer. Deren Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 11,7 Kilo im Jahr – was etwa 15 Tassen täglich entspricht.

Dass heißer Tee auch in größeren Mengen gesund ist, davon ist man in Berlins Teeläden überzeugt. Im Internet wird etwa auf wissenschaftliche Studien verwiesen, nach denen Tee wahlweise vor Viren, Karies oder Krebs schützen soll. Die Arbeiten tragen Namen wie „Hautschutz aus der Tasse“.

Das mit der Gesundheit solle man nicht überbewerten, sagt dagegen Thomas Lünser vom Berliner Teesalon in Mitte. Lünser ist in Berlin eine Koryphäe in Sachen Tee, in seinem Salon kann man Blätter für zu Hause kaufen oder auch gleich dort Probe trinken. „Wenn das Getränk wirklich so gesund wäre, wie manche behaupten, gäbe es das nur in der Apotheke.“ Vor allem nerven ihn die Tee-Schönheits-Trends, die regelmäßig von Frauenzeitschriften ausgerufen werden. „Mal soll das schlank machen, mal schön, mal Cellulite beseitigen. Und wenn es dann wieder nicht klappt, ist natürlich der Tee schuld.“ Thomas Lünser sieht Tee als reines Genussmittel, das Glückshormone freisetzt. „Und das ist doch schon einiges. Warum muss man dabei auch noch schön werden?“

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