Unternehmer starten "Social Day" : Feiner Zug

100 DB-Führungskräfte ackern im Kinderhospiz, der britische Botschafter schaufelt im Tierpark Stroh: Das hebt den Teamgeist und hilft der Einrichtung. Soziale Arbeitseinsätze von Firmen liegen im Trend

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Gemeinschaftsprojekt. MTV-Mitarbeiter ermöglichen alten Menschen, einmal herauszukommen. Davon profitieren beide
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Sie hätten auch ein Floß bauen können. An der Ostsee. Floßbauen ist der Klassiker unter den Teambildungsworkshops für Mitarbeiter. Markus Egerer legt eine kurze Kunstpause ein. „Und danach wird das Floß einfach weggeworfen. Das gefiel mir nicht.“ Wenn Egerer, Geschäftsführer des Logistikkonzerns „DB Fahrwegdienste GmbH“, seine Führungskräfte aus ganz Deutschland zum gemeinsamen Handarbeitseinsatz ruft, soll es schon etwas sinnvolles und nachhaltiges sein, etwas, das seine Leute anschließend mit einem „befriedigenden Gefühl“ nach Hause fahren lässt.

Mehr als ein Betriebsausflug

„Social Event“ sagen die Bahnleute dazu. Andere nennen es Corporate Volunteering. Englische Begriffe, weil die Konzepte aus den USA kommen. Deutschen Ursprungs sind nur Betriebsausflug und Weihnachtsfeier. Motivationsfördernde Aktivitäten sind inzwischen aber weit vielfältiger und aufwendiger als diese angestaubten Klassiker. Von der gemeinsamen GPS-gestützten Schatzsuche bis zur Schneeschuh-Wanderung in den Dolomiten – ungewöhnliche Herausforderungen, die Zusammenhalt und Leistungswillen stärken. Event-Agenturen und Personalreferenten feilen an immer neuen Ideen, um Mitarbeiter aus ihrem eingefahrenen Trott herauszulösen. Inzwischen haben Unternehmen erkannt, dass sich Teamtraining auch mit einem guten Zweck verbinden lässt – wie bei dem Bahn-Subbotnik.

Sie fummlen, sie schrauben - uns es erfüllt sie

Noch eine Stunde bis zum feierlichen Abschlussessen. Im Garten des „Sonnenhofs“, dem Kinderhospiz der Björn-Schulz-Stiftung in Pankow, kurven rund 100 Führungskräfte der Deutschen Bahn mit Schubkarren herum, klopfen Rasenfliesen fest oder verteilen Mulch. Die Pankower Feuerwehr füllt den sanierten Bachlauf mit Wasser, oben auf der Terrasse streicht das Team „Über den Wolken“ Holzschutzlasur auf die neu verlegten Planken. Im „Erinnerungsgarten“ ist ein anderes Team dabei, kleine Lämpchen in den neuen Sternenhimmel für den Pavillon einzusetzen, äußerst zeitraubende Fummelarbeit. Am Abend wollten sie noch anfangen, das Pavillondach zu decken, erzählt eine Führungskraft aus Frankfurt am Main, aber dann kam leider der Bus, der sie ins Hotel zurückbrachte.

Eigentlich treffen sich die leitenden Bahnangestellten jedes Jahr, um Vorträgen über neue Techniken und Richtlinien zu lauschen. Zwischendurch gibt es Spiele, die das Kennenlernen fördern sollen. Dieses Mal fallen die Vorträge komplett aus, „die stellen wir ins Intranet. Die Leute können ja lesen“, sagt Egerer und freut sich über seinen innovativen Coup.

Es geht auch um Teambildung

„Spielchen sind eher künstlich“, sagt der Niederlassungsleiter der Fahrwegdienste West, Günter Hahn, „hier passiert wirklich was. Für das Unternehmen ist das ein 100prozentiger Zugewinn.“ Hahn ist heute Teamleiter der Terrassenbauer, die ohne jede Richtlinie arbeiten. Er hat sich einen Dreitagebart stehen lassen. Mit Sägespänen im grauen Haarschopf ist er von einem echten Tischler nicht zu unterscheiden.

Ein Zugewinn ist die Teamfortbildung der Bahn natürlich auch für den Sonnenhof. Die Außenanlagen waren nach zehn Jahren fällig für eine Generalsanierung. Und das Geld reicht immer nur für den Betrieb des Kinderhospizes, rund eine Million Euro im Jahr. Zwölf Plätze gibt es, und weil der Bedarf höher ist, wird gerade ein Anbau mit vier weiteren Plätzen errichtet, mit Hilfe von Spenden. Der Sonnenhof betreut seit 2002 unheilbar kranke Kinder und ihre Familien.

Die Bahnmitarbeiter haben beim Werkeln viel Sachverstand in ihren Reihen, Techniker, Gartenbau- und Forstingenieure und Logistiker. Es ackern aber auch Betriebsräte, Personalreferenten, Finanzcontroller und Lokführer mit. Die Unternehmenshierarchie ist bis auf wenige Reste geschliffen, viele duzen sich nach kurzer Zeit. Die Theoretiker grübeln noch über die Transportlogistik, da haben die Praktiker schon eine Kette gebildet, um die schweren Steine aus dem Bachbett zu tragen. Sie tragen sogar ein T-Shirt mit Helfer-Logo für die Aktion.

Soziales Engagement ist auch Marketingstrategie

Soziales Engagement gehört für die großen deutschen Unternehmen inzwischen zur Marketingstrategie. Es gibt Abteilungen, die sich mit „Corporate Social Responsibility“ (CSR) beschäftigen. Dabei geht es um ein gutes Image beim Kunden und den eigenen Mitarbeitern. Kleine und mittelständische Unternehmen beschränken sich noch oft auf das Sponsoring von Kulturveranstaltungen oder Sportvereinen. Dabei könnten auch sie sich mit ihren Mitarbeitern engagieren, sagt Reinhard Lang vom Corporate Citizenship und CSR Netzwerk UPJ. Wie der Büroartikelhersteller Herlitz, der ein Coaching für Schulleiter anbietet. Wenn sich Unternehmen und soziale Institutionen aufeinander einlassen, statt nur Kontonummern auszutauschen, könnten für altbekannte Probleme ganz neue Lösungsansätze gefunden werden.

Bei UPJ sind insgesamt 70 Unternehmen aktiv, in Berlin gehören vier Firmen zum Netzwerk, die Resonanz sei noch „ausbaufähig“, sagt Lang. Weiter als Berlin ist München. Dort gibt es ein eigenes Referat für Unternehmensengagement in der Stadtverwaltung. In Berlin existiert bislang nur eine „Geschäftsstelle bürgeraktiv“ in der Senatskanzlei, die das gesamte Feld bürgerschaftlichen Engagements abdecken soll.

MTV-Angestellte schieben Senioren im Rollstuhl durch den Park

Die meiste Arbeit leisten private Organisationen wie die Stiftung „Gute Tat“, die Kontakte zwischen Firmen und sozialen Einrichtungen vermittelt. Damit die Mitarbeiter von Commerzbank und Dresdner Bank sich besser verstehen, gingen sie auf Wunsch ihres Arbeitgebers gemeinsam Unkraut jäten im Botanischen Garten, Angestellte des Musiksenders MTV spazierten mit Senioren durch den Britzer Garten, und Ebay-Mitarbeiter renovierten einen Wasserspielplatz. 400 soziale Organisationen hat „Gute Tat“ in ihrer Datenbank, die Zahl aktiver Unternehmen ist deutlich kleiner. Dabei sei der Bedarf an Unterstützung in Berlin „unendlich“, sagt Gute-Tat-Mitarbeiterin Christina Haupt. Wie im Tierpark, wo am Mittwoch die Belegschaft der Botschaft von Großbritannien mitsamt Botschafter Simon McDonald bei einem „Social Day“ anpackte.

Im Sonnenhof ist jetzt Feierabend. Hans Otto Umland, Personalvorstand bei DB Netze, ist gekommen, um sich den neuen Hospizgarten anzuschauen und eine Sonnenskulptur für den Erinnerungsgarten einzuweihen. Dort können Eltern mit Kerzen und Fotos ihrer verstorbenen Kinder gedenken. „Man wird schon nachdenklich“, sagt Umland. Und, dass er stolz sei auf seine Mitarbeiter.

Unternehmensnetzwerk Partner der Jugend (UPJ): www.upj.de. Stiftung „Gute Tat“: www.gute-tat.de. Auf dem Internetportal berlin.de gibt es die „Bürgeraktiv“-Seite, auf der Projekte vermittelt werden: www.berlin.de/buergeraktiv

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