Berlin : Unwohl im Wohlstand

Auch in bürgerlichen Kiezen hat die Jugendhilfe viel zu tun – wegen zu anspruchsvoller Eltern.

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Immer Ärger mit den Kleinen. Doch wie bei den „Simpsons“ sind oft die Eltern nicht ganz unschuldig. Foto: p-a/dpa; Quelle: 20th Century Fox
Immer Ärger mit den Kleinen. Doch wie bei den „Simpsons“ sind oft die Eltern nicht ganz unschuldig. Foto: p-a/dpa; Quelle: 20th...Foto: picture-alliance/ dpa

Familiäre Konflikte, Erziehungsprobleme, gesundheitliche Belastungen: Das Jugendamt in Steglitz-Zehlendorf hat festgestellt, dass vor allem in den bürgerlichen Gegenden, in denen die sozialen Bedingungen gut sind, Familien immer häufiger Hilfe brauchen.

In Steglitz-Zehlendorf sind auch in den sozial gering oder gar nicht belasteten Gegenden immer mehr Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Für den gesamten Bezirk gilt, dass der staatlich geregelte Anspruch auf „Hilfen zur Erziehung“ durch die Jugendämter immer häufiger in Anspruch genommen wird – etwa durch individuelle oder therapeutische Maßnahmen.

Bereits 2011 hat das Jugendamt im Bezirk eine genaue Analyse der Situation veröffentlicht. An den damaligen Befunden, die auf die Jahre 2005 bis 2010 zielten, hat sich laut Jugendamt nichts grundsätzlich positiv geändert. Der Bedarf an Hilfen ist tendenziell eher steigend. Damals kam der Leiter der Jugendhilfeplanung, der Soziologe und Sozialpädagoge Reinhard Hoffmann, zu dem Schluss: „Der Hilfebedarf ist in allen sozialen Schichten erkennbar gestiegen, gerade auch in den sozial eher unbelasteten Gebieten.“ Alleinerziehende erscheinen dabei gar nicht als größte Problemgruppe, „sondern als die Familienform mit den geringeren zeitlichen, personalen, materiellen und psychischen Ressourcen“.

Hoffmann, der seit 1994 in der Jugendhilfeplanung arbeitet, weist auf eine zweiseitige Zuspitzung der Probleme hin und sagt: „Auf der einen Seite werden Familien mit strukturellen Belastungen wie Arbeitslosigkeit oder als Alleinerziehende schneller sozial abgekoppelt. Auf der anderen Seite der Skala müssen Familien mit hohen Gelingenserwartungen an Erziehung sehen, dass materieller Wohlstand nicht liebevolle Zuwendung und Zeit für Kinder ersetzt.“ Oft sind auch die Erwartungshaltungen der Eltern Auslöser für Konflikte. Offensichtlich gibt es gerade in den bürgerlichen Kiezen zunehmend das Problem der sogenannten „Wohlstandsverwahrlosung“. Hoffmann formuliert es so: „Die Eltern haben wenig Zeit, aber sehr hohe Erwartungen an die eigenen Kinder. Wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, werden hektisch Konsequenzen gezogen, Panik bricht aus."

Interessant an der Analyse des Jugendamts ist die Tatsache, dass viele dieser Probleme, für die dann das Jugendamt um Hilfe gebeten wird, keine materiellen Probleme sind. Gerade in den bürgerlichen Kiezen ist die Wachstumsrate an innerfamiliären Konflikten enorm.

Einer, der diese Notlagen kennt, ist Winfried Glück vom Verein „Zephir“, der Sozialarbeit in Zehlendorf macht. Der promovierte Sozialwissenschaftler sagt, dass sich Abstiegsängste der bürgerlichen Klientel auf die Kinder auswirken: „Wenn etwa Erwartungen nach steigenden Einkommen und wachsendem Sozialprestige nicht mehr erfüllt werden, kann dies zu zwischenmenschlichen Spannungen der Erwachsenen führen, die sich krisenhaft entwickeln und sich in Trennungen und Scheidungen ausdrücken.“

Hoffmann und Glück beobachten, dass immer mehr Eltern aufgrund der diffusen Ängste die Erwartungen und Ansprüche an ihre Kinder nochmals steigern. Es werden dann Coaches für Kinder engagiert, damit diese die an sie gestellten Erwartungen aushalten und ihnen entsprechen.

Beide Experten kennen auch genügend Fälle, in denen sich hilflose Eltern immer öfter in Kitas und Schulen beschweren. Die enorme „Ich“-Bezogenheit der Eltern habe hier extrem zugenommen, Direktoren von Grundschulen oder Oberschulen haben ganze Schubladen voll mit Beschwerdebriefen oder bekommen E-Mails, in denen mit dem Anwalt gedroht wird. Das sei, sagt eine Grundschuldirektorin, nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. „Wir erleben in den bürgerlichen Gegenden oft einen sehr fordernden, individualistischen Blick, bei dem nur das eigene Interesse oder die eigenen Kinder gesehen werden“, sagt Hoffmann. „Die Fehler liegen dann immer bei den anderen.“

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