Berlin : Ursula Thiergart (Geb. 1930)

"Der schönste Grünkohl! Aber manchen kann man’s nie recht machen!"

Anselm Neft

Graue Locken, hellwache Vo- gel augen hinter runden Brillengläsern, eine Narbe quer über die Nase, ein roter Überwurf als Dienstkleidung und eine waschechte Berliner Schnauze: Das war Ursula Thiergart, Garderobiere im Pressebereich des ICC-Messezentrums. Neben ihr eine tätowierte junge Frau mit blonden Haaren und lackierten Nägeln. Ein schlagkräftiges Duo, dem man besser nicht dumm kam.

Ursula Thiergarts Narbe war eine Erinnerung an ihren Lymphdrüsenkrebs, der sie die halbe Nase gekostet hatte. Erschrecken konnte sie das nicht. Nicht der Krebs und nicht der Tod. Als Siebenjährige hatte sie den Vater verloren und kurz darauf die Mutter. Mit ihrer Schwester war sie durchs zerbombte Berlin geirrt, bis russische Soldaten ihr auch die Schwester nahmen, sie vergewaltigten und ermordeten.

Im katholischen Kinderheim lernte Ursula Thiergart die Strenge der Nonnen kennen, karges Essen, böse Worte, Schläge. Da sich die Nonnen in den letzten Kriegstagen nicht selbst in den Garten trauten, schickten sie die Kinder zum Kräutersammeln. Eine Granate flog über die Heimmauer. Ursula Thiergart behielt davon eine Narbe am Bein zurück und die Frage, was für ein Gott das sein mochte, von dem die Nonnen sprachen.

Mit 14 begann sie eine Gärtnerlehre, lebte in der Gärtnerei bei einer guten Chefin und ihrem freundlichen Sohn, begann zu rauchen und handelte manchmal schwarz. Später, als Kindermädchen, lernte sie bei einem Spaziergang im Schlosspark Kurt kennen, ihren künftigen Mann. Er war 22 Jahre älter als sie. Und er lebte nicht lang: Als man einen Gehirntumor bei ihm entdeckte, Diagnose: Operation möglich, danach wahrscheinlich Pflegefall, nahm sich Kurt in der gemeinsamen Wohnung das Leben. Seine Frau blieb auf der Welt, gemeinsam mit dem siebenjährigen Sohn Arno.

Und sie tat, was sie gelernt hatte: Zähne zusammenbeißen, weitermachen; jetzt als Reinemachefrau. Harry, ein netter alleinstehender Nachbar, fuhr manchmal mit ihr und ihrem Sohn im roten VW Käfer in den Bayerischen Wald. 1969 bekam Ursula Thiergart eine Tochter von „Onkel Harry“. Ohne Spannungen verlief die Beziehung zwischen den beiden aber nicht. Sie hing noch an ihrem verstorbenen Mann, er hing am Angelsport und an seinen Kumpels. Immer wieder gab es Streit, immer wieder Versöhnungen, dann aber den endgültigen Bruch. Bei Harrys Beerdigung ließ sie sich nicht blicken.

Sie lebte weiter in der Zweizimmerwohnung in Charlottenburg mit Ofenheizung. Dort hörte sie André Rieu, Freddy Quinn, Peter Alexander, schaute Marienhof und Lindenstraße, kochte Kohlrouladen und Königsberger Klopse. Das war ihre große Leidenschaft, ihre Religion: das Kochen, Essen und Horten von Nahrung. Bei ihr türmten sich die Konserven, genug, um einen weiteren Krieg zu überstehen. Wer mit ihrer Kochkunst nichts anzufangen wusste, fiel bei ihr durch. Als Arno eine sehr dünne Freundin mitbrachte, die zögerlich eine thiergartsche Boulette auf dem Teller hin und her schob, war für die Mutter klar: Die ist nichts für Arno. Auch künftige Freundinnen hatten es schwer, selbst wenn sie deftige Kost zu schätzen wussten. Sonja aus Mazedonien musste nur beim Grünkohl passen. Ursula Thiergart wurde deutlich: „Der schönste Grünkohl! Aber manchen kann man’s nie recht machen!“

An Liebesbekundungen sparte sie, als handle es sich um eine äußerst rare Ressource. Vor allem ihre Tochter litt darunter. Bei ihrer nicht mal halb so alten Garderoben-Kollegin Janina rannte die resolute Rentnerin jedoch offene Türen ein. Janina war gewarnt worden: Die Thiergart ist ein harter Brocken. Aber gerade das gefiel ihr: eine starke und lebenserfahrene Frau, die sich vor niemandem klein machte. Und Ursula Thiergart schloss Janina ins Herz. Ihr konnte sie ihre Witze und Wünsche erzählen, ohne sich in einem Panzer aus Misstrauen und Härte zu verschanzen. Sie erzählte, wie viel ihr Kurt bedeutet hatte, wie sie an ihrer Enkeltochter hing und wie traurig sie darüber war, dass ihr der Krebs die einzige enge Freundin genommen hatte.

Im Hospiz, als ein neuer Krebs Ursula Thiergart von innen zerfraß, rüttelte die schwangere Janina an der Sterbenden: „He, Frau Thiergart! Dit geht nich’. Du musst doch leben!“ Der Sohn stand beeindruckt dabei. Das hätte er sich nicht getraut. Anselm Neft

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