Berlin : Uwe Benke (Geb. 1942)

Wenn der Frosch genug strampelt, wird die Milch dick.

Anselm Neft

Uwe Benke war Pädagoge mit Leib und Seele. Der Berufswunsch war in ihm schon früh gereift, aber der Vater war dagegen. Der Kunstschmiedemeister hatte selbst Erzieher werden wollen, jedoch nicht gekonnt, weil seine Eltern zu arm waren. Nun sollte auch sein einziges Kind etwas Technisches lernen.

Uwe bestand die Fluglotsenprüfung, arbeitete vier Wochen, trat dann vor seine Eltern und sagte: Das Studium finanziere ich selbst. Gesagt, getan: Uwe studierte Pädagogik und Politik. Nebenher arbeitete er in einer Autowerkstatt und als Möbelwagenfahrer und auf dem Bau. Er wurde Grundschullehrer, heiratete, verwandelte mit seiner Frau Astrid eine Bruchbude in ein behagliches Heim und zeigte eine Bereitschaft, die längst nicht alle Pädagogen kennzeichnet, jedoch die guten: lebenslang zu lernen. Uwe studierte weiter, Arbeitslehre / Technik jetzt, nahm Lehraufträge an, absolvierte Studienaufenthalte in den USA und wechselte an die Blindenschule Berlin. Es verstand sich von selbst, dass er nun auch Blinden- und Sehbehindertenpädagogik studierte und alles las, was er zu seinem neuen Thema in die Finger bekam.

Dabei war er keinesfalls hektisch. Bei ihm lag die Kraft in der Ruhe und im Humor. Wenn etwas zu tun war, tat er es eben. Als seine Frau, die beim Berliner Konzertchor sang, auf Südamerikatour ging, durfte er mit. Schließlich hatte er die Arbeit seiner Frau und des Chores immer unterstützt. Geschäfts- und künstlerische Leitung gerieten während der Reise in einen Streit. Bis es hieß: „Uwe, hilf!“ Er zuckte mit den Schultern und übernahm die Reiseleitung von 132 Musikern in Städten wie Rio de Janeiro, Buenos Aires, oder Mexico City.

Helfen bereitete Uwe große Freude, ohne dass er sich je damit brüstete. Er freute sich einfach, wenn sich seine Schützlinge freuten, wenn sie trotz ihrer Einschränkungen etwas leisten und sich verwirklichen konnten, so wie der nach einem Motorradunfall mehrfach behinderte junge Mann, dem Uwe gegen alle Hindernisse eine Anstellung in einer Fahrradwerkstatt organisierte.

Er hatte viele Steckenpferde: Cabrios und Krimis, moderne Malerei und alte Möbel, Bach und Beatles. Er fuhr leidenschaftlich gerne Rennrad, werkelte im Haus und baute allein ein Cembalo zusammen. Er setzte sich für die Wiedereröffnung des Blinden-Museums in Steglitz ein, das fortan sein Baby wurde. Ehrenamtlich stand er nicht nur dem Museum vor, sondern unter anderem auch dem Berliner Blindenhilfswerk.

So viel schafft niemand allein. Auch hier stand im Rücken eines tatkräftigen Mannes eine tatkräftige Frau. Astrid schmiss nach der Hochzeit ihren verhassten Behördenjob hin und konzentrierte sich auf die Musik und Uwes Unterstützung.

1994 übernahm er die Leitung der Blindenschule. Diese Arbeit erfüllte ihn mit Freude, bescherte ihm aber auch Neider. Uwe in seiner aufrichtigen Art konnte nicht verstehen, wenn Menschen nicht loyal waren oder gar Intrigen gegen ihn sponnen. Äußern konnte er seinen Ärger jedoch nicht. Bei aller Herzlichkeit war er auch ein verschlossener Mensch.

2001 wurde er frühpensioniert. Die Arthritis machte ihn vorübergehend fast bewegungsunfähig. Der große Schock kam drei Jahre später: Prostatakrebs. „Sie haben noch acht bis zehn Monate.“

Eng umschlungen saß Uwe am Abend mit Astrid vor dem Kamin und tröstete sie: „Schätzchen, nicht mit mir.“ Dann brachte er das Beispiel vom Frosch in der Milch. Wenn er nur genug strampelt, wird die Milch dick, trägt ihn und er kann raushüpfen.

Uwe strampelte. Fünf intensive Jahre. Er klagte nicht, aber seiner Frau versetze es einen Stich ins Herz, als sie ihn einmal dabei beobachtete, wie er in der Garage mit der Hand über seine Rennräder strich, die er längst nicht mehr fahren konnte.

Als es für eine neue Medikamentenbehandlung in die Schweiz musste, hatte das kinderlose Paar ein Vierteljahr lang innigen Kontakt zu den Nichten und Großneffen in Luzern. Uwe spielte mit den Jungs Schach und Ball, ging mit zum Klaviervorspiel, hörte ihren Geschichten zu, feuerte sie beim Fußball an und blödelte auf Schwitzerdütsch. Die letzte SMS an seine Nichte Manuela begann er mit den Worten „Liebe Pfefferminzia“.

Kurz vor seinem Tod schrieben die Kinder Briefe an ihn. So der achtjährige Markus: „Lieber Onkel Uwe, du bist der stärkste Mann, wie du alles durchhältst und immer Witze machst. Jede Nacht, wenn ich für dich bete, denke ich daran, wie lieb du bist und hoffe, dass du diesen dummen Virus noch besiegen kannst. Ich hab dich lieb.“

Uwe konnte das nicht mehr lesen. Astrids Hand in seiner, sagte er: „Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr.“

„Dann lasse ich dich los“, sagte sie. Was das bedeutet, hat sie bis heute nicht verstanden. Anselm Neft

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