Berlin : Veli Turhan: Geb. 1952

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Ein trüber Tag im Dezember: Der Himmel über der Stadt ist mit dunklen Wolken verhangen, mal regnet es, mal nieselt es. Am Kottbusser Tor in Kreuzberg, da wo Berlin am türkischsten ist, haben sich mehrere hundert Menschen versammelt, weil sie einem guten Freund die letzte Ehre erweisen wollen, einem, der mit nur 48 Jahren dem Krebs zum Opfer gefallen ist. Einige Männer heben den schweren Sarg auf ihre Schultern und laufen langsam die Adalbertstraße runter. Etwa 600 Menschen folgen ihnen auf dem behördlich genehmigten Trauermarsch. Die Gruppe läuft zum Vereins- und Gebetshaus der "Anatolischen Aleviten" in der Waldemarstraße, wo bereits viele andere warten. Sie wollen sich vom Vorsitzenden des Vereins und Geschäftsführer des Fußballclubs "Agrispor", Veli Turhan, verabschieden. Nicht alle passen in das Haus hinein, mehrere Hundert müssen vor der Tür bleiben. Am Ende sind annähernd 2000 Menschen zusammengekommen.

Wer war dieser Mann, um den so viele trauern?Auch bei Türken ist eine Trauerzeremonie in dieser Dimension nicht üblich. Veli Turhan war kein Medienstar, kein Abgeordneter und er starb nicht durch ein politisches Attentat.

Veli Turhan stammt aus Varto, einer Kleinstadt in der südwesttürkischen Provinz Mus. Die Menschen dieser Gegend müssen mit dem Vorurteil leben, ungehobelt, grob und tollpatschig zu sein. Veli Turhan ging hier aufs Gymnasium und wurde Grundschullehrer in der Provinzhauptstadt Mus. Der junge Mann wollte nie weg von hier, so schwer die Lebensbedingungen auch waren. Zu sehr liebte er seine Familie, die Gegend und die mittellosen und "ungehobelten" Menschen.

Veli Turhan war Alevit. Seine Glaubensrichtung war im Laufe der Jahrhunderte in Ostanatolien entstanden, offiziell war sie in der Türkei jedoch nicht anerkannt. Aleviten wurden lange verfolgt, und in den siebziger Jahren tyrannisierten Todesschwadronen der so genannten "Grauen Wölfe" die Gemeinden. Militante Linke schlugenzurück. Die Nachrichten in Deutschland berichteten damals von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Türkei.

Veli Turhan lebte gefährlich, weil er selbst Mitglied einer linken Vereinigung war. Zwar hatte er 1977 die Chance, nach Deutschland zu ziehen, aber er wollte bleiben. Damals heiratete er eine junge Türkin aus Hameln, die ihm zuliebe nach Mus zog. Nur zwei Monate später flog sie alleine wieder nach Deutschland zurück, weil sich das Leben in der türkischen Provinz als allzu fremd für sie erwies. So verlangte die Schwiegermutter von ihr, dass sie, die in Deutschland Minirock getragen hatte, sich nun züchtig verhülle. Ein Jahr danach folgte Veli Turhan ihr nach Hameln. Die Bekanntschaft und Hochzeit mit seiner Frau war durch die Vermittlung der Familie zustande gekommen. Trotzdem liebten sich die beiden zu sehr, um die Trennung zu ertragen.

Ein Glück für ihn. Denn zwei Jahre später putschte das Militär in der Türkei und begann das Land politisch zu "säubern". Auch bei seinen Eltern fragten Polizisten nach, wo der Sohn sei. Was wäre wohl aus Veli Turhan geworden? Hätte er fliehen können, und hätte er in Deutschland Asyl bekommen? Bis er sich sicher war, dass er in der Türkei nicht mehr verfolgt wird, traute er sich nicht mehr in seine Heimat zurück. Erst 1985 betrat er wieder türkischen Boden. Aber nun wollte er nicht mehr zurückziehen.

Ruhe fand er allerdings auch in Deutschland nicht. Er besuchte gleich am Anfang nach seinem Umzug eine Sprachschule und zog 1979 mit seiner Frau nach Berlin. Hier wollte er studieren - das war sein Lebenstraum. Da er aber für die Familie Geld heranschaffen musste, wurde nichts daraus - Bafög hätte er nicht bekommen. Turhan fand eine Arbeit als Lagerverwalter in der amerikanischen Kaserne in Zehlendorf. Da verdiente er genug, um auch die Eltern in der Türkei zu unterstützen.

Er blieb zeit seines Lebens politisch aktiv. 1981 trat er in die SPD ein. Unter anderem ihm verdanken die anatolischen Aleviten in Berlin, dass die Bewohner dieser Stadt wahrnahmen, dass es jenseits der fundementalistischen Strömungen auch diese liberalere islamische Glaubensrichtung gab. Er war einer der Gründer des "Vereins der Anatolischen Aleviten" in der Waldemarstraße. Der Verein ist - ganz im Sinne von Turhans Überzeugung - eine nichtpolitische Einrichtung. Der Nimmermüde kümmerte sich als Geschäftsführer des türkischen Fußballvereins Agrispor auch um die Sorgen und Nöte der jungen türkischen Spieler. Sie verehrten ihn dafür sehr.

Seine Familie versichert, dass er gerne in Berlin gelebt hat. Er wollte nicht mehr zurück und stellte einen Einbürgerungsantrag für sich und seine Familie.

Doch nach dem Wegzug der amerikanischen Soldaten wurde Turhan arbeitslos, und schließlich war da war noch die politische Vergangenheit. Freunde von ihm mussten die Behörden überzeugen, dass es für Deutschland ein Gewinn wäre, ihm die Staatsbürgerschaft zu geben. 1999, vier Jahre nachdem er den Antrag gestellt hatte, bekam er den deutschen Pass.

Aber für Menschen wie ihn, die hier nicht aufgewachsen sind, bleibt die Türkei immer die eigentliche Heimat. Veli Turhan wurde neben seinen Eltern in Izmir begraben, wie es sein letzter Wille war.

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