Berlin : Verbeugung vor dem Visionär

Am Rathaus Schöneberg gedachten tausende Berliner der legendären Rede von John F. Kennedy am 26. Juni 1963

Sabine Beikler

Sie stand auf Stöckelschuhen und bekam fast Platzangst: Lydia Steffen erinnert sich noch genau an den 26. Juni 1963, als sie, 28 Jahre alt, mit 400 000 Berlinern vor dem Schöneberger Rathaus die legendäre Rede von John F. Kennedy hörte. Vier Jahrzehnte später kam die Berlinerin wieder vor das Rathaus, um sich den Festakt zum 40. Jahrestag der Rede anzuschauen. Es waren gestern Abend zwar keine 400 000 an den historischen Ort gekommen, aber doch einige tausend. Dass es heute ohnehin keine derartigen Begeisterungsstürme für Politiker mehr gibt, dafür hat Lydia Steffen eine Erklärung: „Na, damals. Das waren andere Persönlichkeiten. Kennedy, Brandt, Adenauer – ja, die waren noch richtig charismatisch.“

Der Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band, würdigte Kennedy denn auch als „charismatischen Visionär“ des 20. Jahrhunderts. Charles C. Hanna, der amerikanische Schulleiter der John-F.-Kennedy-Schule, sprach von dessen „besonderer Ausstrahlung“, von einem „Visionär, der überzeugend wirkte“. Durch Kennedys legendären Satz „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner“ wurde Berlin zum „Symbol der Verpflichtung und Hoffnung auf die Zukunft“, sagte US-Botschafter Daniel R. Coats in seiner Rede. Wie an keinem anderen Ort seien die Gedanken an Freiheit und Gerechtigkeit so sichtbar gewesen. Heute müssten die Menschen die Kraft haben, Kennedys Botschaft eine neue Bedeutung zu verleihen. Coats forderte die Deutschen auf, sich gemeinsam mit den Amerikanern den Herausforderungen der Zukunft zu stellen.

Als Kennedy Berlin besuchte, habe sich die Stadt „erhoben“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Zehn Jahre nach dem Aufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 sei Kennedys Rede an alle Berliner gerichtet gewesen. Beide „Aufstände, so unterschiedlich sie auch verliefen“, so Wowereit, einte ein Motiv: die Sehnsucht nach Einheit und Freiheit. Berlin werde nie vergessen, was die USA als Schutzmacht für Freiheit, Demokratie und die Wiedervereinigung der Deutschen getan hat, versicherte Wowereit. „Tagespolitische Auseinandersetzungen können nicht die tiefe Verbundenheit von Deutschen und Amerikanern beeinträchtigen“, richtete der SPD-Politiker seine Worte an den amerikanischen Botschafter und ließ „herzlichste Grüße“ an die Familie Kennedy ausrichten.

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