Verdorbenes Schulessen : Eltern fordern Abkehr von Großküchen

28.09.2012 18:04 Uhrvon , , , Thorsten Metzner, Ariane Lemme
Essen selbst mitbringen? Zumindest rät das die Gesundheitsbehörde jetzt den Berliner Eltern. Allerdings stehen jetzt ohnehin erstmal die Ferien an.  Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Essen selbst mitbringen? Zumindest rät das die Gesundheitsbehörde jetzt den Berliner Eltern. Allerdings stehen jetzt ohnehin erstmal die Ferien an. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Offenbar wegen Schul- und Kitaessens leiden fast 2200 Kinder an Durchfall und Übelkeit Nach ersten Erkenntnissen könnten Fischstäbchen die Ursache sein. Doch nun werden auch grundsätzliche Fragen gestellt.

Immer mehr Kinder in der Region sind durch mutmaßlich infiziertes Schulessen erkrankt. In Berlin wurden am Freitag 1500 weitere Schüler wegen Durchfall und Übelkeit bei den Behörden registriert: Insgesamt sind fast 2200 Kinder und Jugendliche betroffen, 500 allein in Marzahn-Hellersdorf. Drei Erkrankte kamen in Kliniken, zwei wurden bereits wieder entlassen.

In Berlin sind bislang rund 60 Schulen und 20 Kitas betroffen, in vielen Häusern wird auf Schulessen verzichtet.

Geschlossen wurden die Grundschule am Vierrutenberg in Reinickendorf und die Kita St. Marien in Zehlendorf. Außerdem musste der deutsch-französische Caterer Sodexo seine Standorte in Reinickendorf und Lichtenberg schließen. Dort wurden Proben entnommen. Untersucht werden soll, ob die Krankheitsfälle durch einen Norovirus oder eine Art noch nicht genauer beschreibbaren Gifts verursacht wurden. Sowohl der Senat als auch das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Robert-Koch-Institut haben noch keine endgültigen Schlüsse auf Herkunft und Art der Krankheitserreger gezogen.

„Wir sind fieberhaft dabei zu untersuchen, worum es sich handelt“, sagte die Staatssekretärin für Gesundheit, Emine Demirbüken-Wegner (CDU). Es handele sich nicht um schwere Krankheiten, man rechne aber mit weiteren Fällen. Sie empfahl Eltern, ihren Kindern fertiges Essen mitzugeben. Als Infektionsquelle ist der Essenslieferant Sodexo ins Visier geraten. Der Caterer wehrt sich: „Weniger als fünf Prozent der insgesamt von uns belieferten Schulen sind von den Erkrankungen betroffen.“ Regelmäßig lädt Sodexo in seine Großküchen auch Erzieher ein, etwa nach Werder bei Potsdam. Besonders der unangenehme Geruch in der hellen, mit riesigen Edelstahlherden ausgestatteten Küche habe einige Erzieher irritiert, berichteten Besucher. Der Gestank von altem Fleisch habe in der Luft gelegen. Sodexo-Mitarbeiter seien jedoch mit Mütze, Plastikhandschuhen und Kittel aufgetreten. Vor dem Dienst hätten sie sich wie die Besucher desinfiziert.

Nach ersten Erkenntnissen soll die Infektion von Fischstäbchen stammen. Der Landeselternausschuss forderte eine Abkehr von Großküchen, das Schulessen sollte außerdem besser kontrolliert werden. Auch der Preisdruck sei Nährboden für solche Vorfälle. Eine bessere Finanzierung der Schulen wünscht sich auch der Verband der Caterer. Im Vergleich zu anderen Bundesländern seien die Berliner Preise gefährlich niedrig, sagt Rolf Hoppe vom Verband der Schulcaterer: Wenn Sparzwang herrsche, sparten einige in der Branche womöglich auch an Sicherheit und Hygiene. Ähnlich äußerte sich die Opposition im Abgeordnetenhaus. Es fehlten Vorgaben bei Preisen und Kontrolle der Lieferfirmen. Mit dem Betrag von 1,97 Euro pro Mahlzeit könnten viele Firmen kein hochwertiges Essen liefern.

Die Grünen verlangten, Schulspeisung zur Chefsache zu machen. In der nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses wollen sie Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) anhören – am Freitag war der allerdings selbst krank und nicht im Dienst. Auf eine Grünen-Anfrage im Juni hatte die Bildungsverwaltung erklärt: Es sei „aktuell nicht möglich, den Preis und die Qualität für ein schulisches Mittagessen im Land Berlin objektiv in Beziehung zu setzen“, die Daten fehlten. Dies sei „grob fahrlässig“, erklärten die Grünen. Auch der Gesundheitsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg fordert eine stadtweite Kontrollinstanz für Schulessen.

An der Finow-Grundschule in Schöneberg berichteten am letzten Schultag vor den Herbstferien mehrere Lehrerinnen von kranken Kindern. Die Krankheitsfälle häuften sich seit Dienstag. Der Elternvertreter Fabian Lenzen sagte, er habe seine Tochter bei der Sodexo-Hotline vom Mittagessen abgemeldet, und ihr etwas von zu Hause mitgegeben.

Katherina Reiche, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium und Brandenburger CDU-Frau, erhebt schwere Vorwürfe gegen Sodexo. „Der Skandal um Sodexo war nur eine Frage der Zeit“, sagte Reiche. „Ich bin nicht verwundert über die aktuelle Entwicklung - nur überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis etwas passiert.“ Reiche begründete dies mit Erfahrungen als Mutter schulpflichtiger Kinder. Sie erlebe seit Jahren „die eklatante Mangelhaftigkeit in der Zubereitung und Hygiene“ und kenne Klagen von Eltern, Schülern und Lehrern. Ein Sprecher des Brandenburger Verbraucherschutzministeriums sagte, diese Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar.

In Brandenburg sind seit Freitag rund 1507 Krankheitsfälle bekannt, fünf Kinder kamen in Kliniken. In Stahnsdorf bei Potsdam und Schwanebeck (Barnim) blieben Schulen geschlossen. Die Stadt Teltow entschied, vorläufig kein Essen mehr vom Sodexo zu beziehen. Weil in beiden Ländern nun Ferien beginnen, könnte die Epidemie bald abklingen.

Die Hotlines der Bezirke unter www.berlin.de/sen/gessoz. Hinweise auch beim Robert-Koch-Institut: www.rki.de

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