Berlin : Verdrängt ins Verborgene

Seit ihrem Bestehen sind Babyklappen umstritten. Nach heftigen Protesten gibt es keine Werbung für sie

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Seit ihrer Einrichtung vor knapp sieben Jahren sind die Babyklappen umstritten. Auch jetzt wird wieder darüber diskutiert, nachdem am Sonntag an einer Zehlendorfer Bushaltestelle ein Findelkind ausgesetzt wurde. Bisher hat die Polizei im Fall „Moritz“ keine neuen Erkenntnisse. Erbitterte Debatten rief 2003 die Plakataktion von Caritas und Diakonischem Werk „Wir nehmen dein Kind, wenn keiner es will“ hervor. Nach scharfen Protesten wurde die Werbekampagne für Babyklappen abgebrochen. Familienrechtsexperten kritisierten, dass mit den Plakaten quasi dazu aufgerufen wurde, sein Kind wegzugeben. Seitdem existieren die Klappen, ohne direkt auf sich aufmerksam zu machen, auch wenn es keine Rechtssprechung dazu gab.

In der Senatsjugendverwaltung nimmt man Bedenken gegen die Babyklappen ernst. „Da aber niemand ausschließen kann, dass Babyklappen Leben retten und es uns um jedes einzelne Leben gehen muss, gibt es die vier Babyklappen in Berlin“, sagt Jugendstaatssekretär Eckart Schlemm. St. Joseph in Tempelhof, Waldkrankenhaus in Spandau, Waldfriede in Zehlendorf und das Vivantes-Krankenhaus Neukölln bieten die Möglichkeit, anonym ein Baby abgeben zu können.

Mit mehr Öffentlichkeitsarbeit würden die Babyklappen bestimmt stärker in Anspruch genommen, meint Rainer Krebs vom Diakonischen Werk. Als Informationsquelle diene jetzt wahrscheinlich das Internet. Gabriele Stangl, Pastorin im Krankenhaus Waldfriede und 2000 die Initiatorin der ersten Berliner Babyklappe, hat kein Verständnis für die Kritiker. Ihr geht es darum, jedes einzelne Leben zu retten. „Nicht die Babyklappe ist pervers, sondern die Gesellschaft, die nicht hilft“, sagt Stangl. Diese Einrichtung sei nur ein Angebot von vielen. Im Waldfriede setzt man darauf, Frauen in Krisensituationen schon vor der Entbindung zu erreichen. Es gibt anonyme Beratung; und Frauen können dort entbinden, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Aber nur in einem von insgesamt 76 Fällen habe eine Mutter bisher ihre Anonymität aufrechterhalten, sagt Stangl. Wie viele Babys in der Klappe abgegeben wurden, sagt sie nicht genau, es seien wenig mehr als zehn gewesen. Aber auch in diesen Fällen hätten sich Frauen später gemeldet.

Die Vorsitzende des parlamentarischen Gesundheitsausschusses, Felicitas Kubala (Grüne), fordert vom Senat, dass die Gesundheitsverwaltung über Babyklappen durch Broschüren oder über Telefonnummern informieren müsse. Mütter, die ihr Baby abgeben, seien in einer großen Notsituation und bräuchten schnelle, unbürokratische Hilfe. Auch Gynäkologe Peter Rott vom Geburtshilfeprojekt Fera in Tempelhof sagt: „Dass solche Einrichtungen nicht direkt werben dürfen, ist ein großes Problem.“ Die Gesellschaft habe dafür zu sorgen, dass Kinder versorgt werden. Allerdings werde man auch künftig nicht verhindern, dass Mütter in extremer Not ihre Kinder aussetzen – aus Angst davor, auf dem Weg zur Babyklappe gesehen zu werden. sib/sik

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