Berlin : Vergänglich

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Christian van Lessen über

das Sinnbild der schmelzenden Eisbar

Oje, die schöne Pracht! Die milden Plusgrade vom Sonntag sind ihr nicht bekommen. Es floss, was eigentlich beinhart die nächsten Tage überstehen sollte: Die wunderschöne Eistheke vorm Adlon schmolz in Teilen dahin, für die Gäste ein überaus trauriges Bild der Vergänglichkeit. Rechneten die Meteorologen nicht mit sinkenden Temperaturen und einer klirrend kalten Neujahrsnacht – der Platz an der Theke wäre vermutlich nicht zu halten: Sie könnte vorm großen SilvesterAuftritt zerflossen sein. Abwarten.

Schadenfreude wäre fehl am Platz. Aber offenbar ist es nun mal so: Ein Eisbär im Zoo mag sich wohlig sonnen, eine Eisbar vorm Adlon aber kann bei überaus tückischen Plusgraden nicht aus ihrer eisigen Haut.

Da mag sie noch so tiefgefroren sein, irgendwann bringt sie das wärmere Wetter aus der Fassung und zum Weinen. Schon bei der Montage der Eisblocks vor wenigen Tagen war es verdächtig warm, aber die Arbeiter, die das Eis herangekarrt hatten, versicherten immer wieder, das Eis bleibe frostig.

Es ist beruhigend, dass sich die Naturgesetze hin und wieder in Erinnerung bringen. Wir haben uns schnell daran gewöhnt, von Eisbahnen in der Wüste oder Ski-Wettbewerben im Ruhrpott zu lesen, und ein berühmter bayrischer Politiker war mal entschlossen, in Alaska Ananas zu ernten. Wir hätten uns nicht gewundert. Wir wundern uns über nichts mehr, was doch verwunderlich wäre.

Aber wir fangen an, uns zu wundern, wenn nichts wirklich Verwunderliches passiert. Wie beispielsweise bei Tauwetter an der eisigen Freilufttheke vorm Adlon.

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