Die Rechnung : Das S-Bahn-Desaster wird mehr als 50 Millionen Euro kosten

Der Senat will den Verkehrsvertrag nicht mehr vorzeitig kündigen – das ergab sich auf einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses zum gegenwärtigen Chaos, das noch größer wird.

Klaus Kurpjuweit

Der Bahnvorstand will bei der S-Bahn möglichst schnell zum Normalbetrieb zurückkehren – egal, was es kostet. Dies kündigte am Mittwoch Personalvorstand Ulrich Homburg auf der Sondersitzung des Verkehrsausschusses des Abgeordnetenhauses zur Situation bei der S-Bahn an. Das Desaster wird die Bahn weit mehr als 50 Millionen Euro kosten. Und das Schlimmste ist noch nicht erreicht.

Derzeit befinde man sich in einem „absoluten Ausnahmezustand“ und führe eine „Materialschlacht“ beim Austausch von Rädern und verkürzten Untersuchungsfristen, sagte Homburg. Die S-Bahn musste rund die Hälfte ihrer Fahrzeuge aus dem Betrieb nehmen, weil nach einem Radbruch am 1. Mai die Sicherheitsvorgaben verschärft worden waren. Da sich die alte Geschäftsführung nicht daran gehalten hatte, war sie vor eineinhalb Wochen komplett abgelöst worden. Die damalige Führung habe auch gegenüber dem Senat Versprechen nicht eingelöst, kritisierte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Was die Manager jetzt machen, teilt die Bahn übrigens nicht mit.

Homburg gab zu, dass es bei der S-Bahn schon vor dem Radbruch eine Zunahme bei den Qualitätsmängeln gegeben habe. Der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, warf dem Konzern vor, auch bei der Infrastruktur der S-Bahn zu sehr gespart zu haben. 2003 habe es 8300 Signalstörungen gegeben, 2008 seien es 13 800 gewesen. Und die Zahl der defekten Weichen habe sich von 2500 auf 4700 erhöht. Diese Störungen führen meist zu Verspätungen. Und die Pünktlichkeitsrate der S-Bahn ist erheblich zurückgegangen.

Der Betriebsratsvorsitzende Heiner Wegner warf der Konzernspitze vor, die Sparvorgaben hätten „die Lebensader der Stadt fast getötet“. Aber auch die Politiker hätten die Hinweise von Mitarbeitern auf die Folgen des Sparkurses bei der S-Bahn ignoriert.

Homburg kündigte an, der Kurs bei der S-Bahn werde „kritisch überprüft“. Und auch der neue Geschäftsführer Peter Buchner versprach, jede in der Vergangenheit kritisierte Entscheidung werde „hinterfragt“. Dazu gehört die Schließung von Werkstätten wie auch der Personalabbau. Vorrang habe aber jetzt die Rückkehr zum Normalbetrieb. Ob geschlossene Werkstätten wie die Anlage in Friedrichsfelde wieder geöffnet werden, ist aber zweifelhaft. Werkstattkapazitäten gebe es genügend, sagte Buchner. Was derzeit fehle, seien Fachleute und Technik.

Junge-Reyer lehnt es inzwischen ab, den Verkehrsvertrag mit der S-Bahn vorzeitig zu kündigen, wie es die Grünen und die FDP fordern. Zuvor hatte sie angekündigt, einen solchen Schritt zu prüfen. Nach dem Spitzengespräch zwischen dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Bahnchef Rüdiger Grube scheinen sich die Wogen hier aber geglättet zu haben. Ob der Vertrag mit der S-Bahn, der 2017 ausläuft, verlängert oder ausgeschrieben wird, werde 2011 entschieden, sagte Junge-Reyer.

Claudia Hämmerling von den Grünen bezeichnete die Angaben der Bahnmanager im Ausschuss als „Märchenstunde“. Es fehle die klare Aussage, auf die Gewinnvorgaben an die S-Bahn zu verzichten. Und Jutta Matuschek (Linke) sieht als Grundübel der Misere bei der S-Bahn den geplanten Börsengang der Bahn, der zum Spardruck geführt habe.

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