Erfahrungsbericht : Pendeln im S-Bahn-Chaos

Wie ist es, wenn man am Montagmorgen von Wartenberg in die Berliner City muss und die S-Bahn nicht fährt? Johannes Schneider hat den Pendler-Selbstversuch gewagt.

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Nicht geht und fährt mehr: Drei Bahnmitarbeiter versperren einen Aufgang zum Gleis in der Unterführung im S-Bahnhof Wartenberg, nachdem sich dort am Montagmorgen trotz Streckenstilllegung noch einige Fahrgäste verirrt hatten.
Nicht geht und fährt mehr: Drei Bahnmitarbeiter versperren einen Aufgang zum Gleis in der Unterführung im S-Bahnhof Wartenberg,...Foto: Johannes Schneider

8.35 Uhr: Als die Recherche vorbei, der letzte Pendler an den temporär stillgelegten S-Bahnhöfen in Hohenschönhausen und Wartenberg zu seinem persönlichen Schlachtenglück befragt ist, geht der Spaß erst los. Ich bin jetzt selbst Pendler, muss so schnell wie möglich in die Tagesspiegel-Redaktion am Anhalter Bahnhof. Das Problem: Ich bin am S-Bahnhof Wartenberg – und da ist außer mir recht wenig, vor allem keine S-Bahn, was jetzt eigentlich ganz gut wäre. Der Bus zum S-Bahnhof Hohenschönhausen, an dem Pendler Richtung Mitte in die Tram M4 zum Alex umsteigen sollen, ist gerade gefahren – aus der Ferne der verlassenen S-Bahn-Unterführung habe ich noch gesehen, wie sich eine recht große Menge Menschen in den recht kleinen Bus vor dem verlassenen Bahnhof gezwängt hat.

8.40 Uhr: „Laufen Sie doch zur Zingster Straße, mit ihren großen Füßen sind Sie schnell“, sagt die freundliche Dame, die in einem Kabuff neben dem Eingang zur Unterführung eigentlich Tickets verkauft, heute aber, wenn – wie jetzt – der Kollege eines mobilen Deeskalationsteams der Deutschen Bahn seinen Posten vor der Unterführung aus irgendwelchen Gründen verlassen hat, für Fragen und Beschimpfungen aller Art zur Verfügung steht. An der Zingster Straße wird die als Ausweichempfehlung angegebene M4 eingesetzt, „da ist es auch leerer“, sagt die Dame. Der Rat erscheint mir sinnvoll, ich nehme ihn dankend an, wünsche einen schönen Tag, ernte ein trauriges Lächeln.

8.45 Uhr: Ich werde nie wieder auf ältere Damen hören, die – S-Bahn-Chaos hin oder her – offenbar auf eine Art zu ihrem Arbeitsplatz gelangen, die ihnen die Konfrontation mit dem Räum- und Streuzustand der umliegenden Bürgersteige erspart. Der Weg vom S-Bahnhof Wartenberg zum Tram-Halt Zingster Straße/ Ribnitzer Straße ist – sagen wir mal – anspruchsvoll, die Hausverwaltungen der umliegenden Platten scheinen von einer eher laxen Dienstauffassung zu sein. Trotz Räumpflicht: Da und dort mal Sand, sonst Eis, großflächig, mal rutschig-glatt, mal unangenehm hügelig. Wo sind die Hackenspikes, wenn man sie mal braucht?

8.52 Uhr: Die Tram kommt mit mir gemeinsam am Haltepunkt an. Ich steige ein, lasse mich fallen, nehme mir eine Zeitung, schreibe SMS („Es ist 8.52 Uhr, ich bin in Hohenschönhausen.“). Nach zwei Stunden in der Kälte verlassener S-Bahnsteige ist das Fahren Richtung Mitte wunderschön.

9.10 Uhr: Irgendwo in Hohenschönhausen fällt mir auf, dass ich in der falschen Tram sitze: Statt der M4 habe ich die M5 genommen, die zwar auch Richtung Alex und Hackescher Markt fährt, jedoch auf einer längeren Tour über Lichtenberg. Ein stummes Selbstgespräch setzt ein: Kann ich die S-Bahn dafür verantwortlich machen, dass ich zu blöd bin, die richtige Tram zu nehmen? Würde das einem normalen Pendler passieren? Habe ich die Versuchsanordnung dieses Selbstversuchs zerstört? Viel wichtiger: Sollte ich aussteigen und zurückfahren? Ich beschließe, zu bleiben und das als Teil des S-Bahn-Wahnsinns zu begreifen. Einer alten Oma hätte das schließlich auch passieren können, oder einem Berufspendler, der nur seinen S-Bahn-Halt kennt und sonst nicht Tram fährt, im Halbschlaf.

9.15 Uhr: Am Tramhalt „S-Bahnhof Landsberger Allee“ sehe ich zum ersten Mal am heutigen, bisher vornehmlich an S-Bahnhöfen verbrachten Tag, eine fahrende S-Bahn, zwar nur aus der Ferne, aber immerhin. Kurz überlege ich, auszusteigen und die S-Bahn zum Ostkreuz zu nehmen, von dort die S-Bahn Richtung Friedrichstraße, bei normalem Betrieb müsste ich damit mindestens ebenso schnell oder langsam am Alex sein wie mit der Tram. Ich entscheide mich dagegen – die eine gesichtete Bahn ist ja, wenn ich aussteige, schon weg, und man sollte sein Glück nicht überstrapazieren.

9.27 Uhr: Nach einer langen, aber ereignisarmen, um nicht zu sagen: komfortablen Tramfahrt komme ich am Alex an. Hier, in Mitte, beginnt nun der zweite spannende Teil der Reise. Der S-Bahnsteig am Bahnhof Alexanderplatz, den ich nach kurzem Fußmarsch erreiche, ist voll, Reisende nach Spandau werden via Anzeigetafel gebeten, ab Charlottenburg / Wilmersdorfer Straße die U 7 zu nehmen. Zum Glück muss ich da nicht hin, denke ich, da kommt schon, um mittlerweile 9.31 Uhr, die S-Bahn Richtung Westkreuz: Sie ist voll, wird am Alex noch voller, aber sie fährt, fährt so schön und lautlos, dass man sich nicht vorstellen kann, dass an diesen Zügen mal irgendwas kaputt geht.

9.41 Uhr: Jetzt scheint alles reibungslos zu gehen: Kaum hatte man Zeit, über die Werbung für die Ausstellung „100 Jahre S-Bahn“ im S-Bahnmuseum am Bahnhof „Griebnitzsee“ zu grinsen, die – im Gegensatz zu den aktuellen Fahrplänen – am Tiefhalt des Bahnhofs Friedrichstraße aushängt, da kommt schon eine Bahn Richtung Potsdamer Platz und Anhalter Bahnhof: Drinnen liest eine junge Mutter ihrem Kind aus dem Buch „Erste Kinderreime“ vor, das Kind schläft darüber ein, an ein Janosch-Kissen auf dem Schoß seiner Mutter gekuschelt.

9.44 Uhr: Die Mutter ruft „Scheiße!“ und packt das verwirrt dreinblickende Kind samt Kissen hektisch in einen Kinderwagen. Unmittelbar vor der Einfahrt in den Bahnhof Potsdamer Platz hat der Zugführer mitgeteilt, dass dieser Zug am Bahnhof Potsdamer Platz gegen einen anderen Zug ausgetauscht wird. Der andere Zug wartet am gegenüberliegenden Gleis.

9.48 Uhr: Da! Da! Da! Anhalter Bahnhof. Ich bin da, selten war die Ankunft nach einer innerstädtischen Bahnfahrt so süß. In der Redaktion werde ich am Rechner feststellen, dass auch die Fahrt mit der M4 nur fünf Minuten kürzer gewesen wäre. Die S-Bahn hätte mich, bei regulärem Betrieb, in 46 Minuten direkt und ohne Fußmarsch von Wartenberg zum Ziel gebracht. Hätte!

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