Öffentlicher Nahverkehr : S-Bahn-Chaos bringt BVG in Bedrängnis

Vom einstigen vorbildlichen Nahverkehr ist Berlin derzeit weit entfernt. Auch die BVG kann für die S-Bahn nicht mit zusätzlichen Fahrten in die Bresche springen. Für diese Mehrleistung fehlen den hochverschuldeten Verkehrsbetrieben Fahrer und Fahrzeuge.

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Überfüllt. Die S-Bahn fährt seit einem Jahr nicht nach Plan. Die BVG kann aber nicht einspringen, weil sie keine Reserven hat. -Foto: dpa

Die S-Bahn im Chaos und den Berliner Verkehrs-Betrieben (BVG) fehlen die Reserven: Vom einstigen vorbildlichen Nahverkehr ist Berlin derzeit weit entfernt. Auch die BVG kann für die S-Bahn nicht in die Bresche springen und musste, wie berichtet, den Wunsch, zusätzliche Fahrten bei der U-Bahn anzubieten, zum größten Teil abschlagen. Für diese Mehrleistung fehlen Fahrer und Fahrzeuge.

Wie bei der S-Bahn gilt auch bei der hoch verschuldeten BVG seit Jahren ein rigider Sparkurs, vorgegeben vom Senat, der seinen Zuschuss an das landeseigene Unternehmen in der Vergangenheit drastisch reduziert hat. Derzeit erhält die BVG nach dem Verkehrsvertrag mit dem Senat jährlich 250 Millionen Euro, davon sind 75 Millionen Euro für die Verkehrsleistung und 175 Millionen Euro für die Infrastruktur bestimmt.

Den einst üppigen Überhang in den Werkstätten und beim Fahrpersonal hat die BVG inzwischen abgebaut. Zum Teil so drastisch, dass jetzt wieder Fahrer gesucht werden. Ihre Vorgänger waren durch hohe Abfindungen zum Verlassen des Unternehmens gelockt worden. Während Insider beklagen, dass es inzwischen zu wenig Personal für den Betriebsbereich gebe, hält der Vorstand die Zahl der Beschäftigten und der Fahrzeuge für ausreichend – bei normalem Betrieb.

Allerdings konnte das Unternehmen die von der S-Bahn gewünschten Zusatzfahrten bei den Buslinien M 48 zwischen der Busseallee in Zehlendorf und Rathaus Steglitz sowie M 76 zwischen S-Bahnhof Lichtenrade und U-Bahnhof Alt-Mariendorf schon nicht mehr selbst erbringen. Sie musste dafür auf private Unternehmen zurückgreifen. Und auch bei der U-Bahn gibt es lediglich auf einer Linie zusätzliche Fahrten; weitergehende Wünsche der S-Bahn nach mehr Verkehr konnten nicht erfüllt werden.

Schon jetzt fallen aber auch Fahrten im Regelbetrieb aus. Technische Defekte, die zu einem Ausfall von Fahrzeugen führen, gebe es immer, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Dagegen sei man nicht gefeit. Fahrten fielen aber auch aus, weil schlicht Fahrzeuge oder Fahrer fehlten oder die Werkstätten bei der Reparatur nicht nachkämen, behaupten Insider. „Wir fahren generell am Limit“, sagte ein Busfahrer dem Tagesspiegel.

Im vergangenen Jahr musste das Unternehmen zum Beispiel bei einem angekündigten Schienenersatzverkehr für die Straßenbahn passen, weil keine Busse und/oder Fahrer aufzutreiben waren. Schwierig ist es auch meistens, einen Ersatzverkehr mit Bussen zu organisieren, wenn bei der U-Bahn gebaut wird. Und vor wenigen Monaten prüfte die BVG sogar, ob U-Bahn-Linien eingestellt werden könnten, wenn es kein Geld für neue Fahrzeuge geben sollte.

Die S-Bahn hat gestern die Zahl der einsetzbaren Fahrzeuge wieder erhöht. Waren am Dienstag nur 307 Doppelwagen unterwegs, waren es am Mittwoch 319; hinzu kamen neun Reserveeinheiten. Beim zusätzlichen Busverkehr bleibt es aber vorläufig. Klaus Kurpjuweit

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