Reaktionen : Ein Häufchen Glück nach dem Aus für die A 100

Die Beermannstraße in Treptow wirkt wie eine verkehrsberuhigte Zone. Dennoch sind viele im Kiez geflohen - vor der A 100. Nun jubeln die verbliebenen Anwohner.

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Die halbe Nacht hindurch saß sie am Radio, bis sie der Nachrichtensprecherin endlich glauben konnte: Die A 100 ist vorerst gestoppt. Einige Stunden später steht Roswitha Hollnack aufgekratzt vor ihrem abrissreifen Altbau an der Beermannstraße in Treptow, dort, wo mal die Autobahn in die Elsenstraße münden soll. „Richtig glücklich“ sei sie nun. Von den 28 Wohnungen im Haus ist nur noch ein Drittel bewohnt. Anfang des Jahres kam eine Mitarbeiterin des Senats und bot auch ihr eine Ersatzwohnung und 2000 Euro an. Sie lehnte ab. „Die, die jetzt noch hier wohnen, wollen kämpfen.“

Die drei sanierten Nachbarhäuser – auch sie müssten dem Autobahnbau weichen – sind noch komplett vermietet. Hannah Scharff, Mutter von zwei Kindern, ist völlig überrascht von der Nachricht. „Das ist cool. Ich dachte, ich muss ausziehen.“ Erst vor zwei Jahren zog sie hierher. Vom geplanten Autobahnbau wusste sie damals nichts. Und ihr Vermieter habe sie auch nicht aufgeklärt. Eine Autobahn in diesem Quartier findet sie „schwachsinnig, blödsinnig, hirnrissig“. Die Stadt sei doch in erster Linie zum Leben da, nicht zum Autofahren.

Die Beermannstraße wirkt wie eine verkehrsberuhigte Zone, von der S-Bahn mal abgesehen, die hier in einer langen Kurve zum Treptower Park rollt. Nach hinten raus gibt es Kleingärten und begrünte Hinterhöfe. Einkaufen, Kino, Grün – alles bequem zu Fuß erreichbar. Der Wohnstandard liegt deutlich über Berliner Normalniveau.

Weiter südlich, an der Kiefholzstraße, sieht die Lage schon trüber aus. „Hier fährt nicht mal ein Bus durch“, klagt Kay Nolte, der hier eine Kfz-Werkstatt plus Autohandel betreibt. Die Autobahn würde die Entwicklung der Gegend weiter hemmen. Auch mit zusätzlicher Kundschaft sei nicht zu rechnen. „Hier sind ja keine Auf- oder Abfahrten geplant.“ Direkt hinter Noltes Betriebsgelände würde der Autobahntrog beginnen. Um einen parallel laufenden Rad- und Skaterweg wie an der Teltowkanal-Autobahn zu schaffen, sollte seine Werkstatt eigentlich abgerissen werden, aber Nolte hat erfolgreich dagegen geklagt.

Sein Ex-Nachbar, ebenfalls eine Autowerkstatt, habe sich für eine sechsstellige Entschädigungssumme schon aus dem Staub gemacht, erzählt Nolte. „Der hatte sein Gelände nur gepachtet. Die sind günstiger dran.“ Für ihn als Eigentümer reiche eine Entschädigung von 80 Euro für den Quadratmeter nicht aus, um Bankkredite abzulösen.

In den Kleingartenkolonien lässt sich der geplante Autobahnverlauf inzwischen am Grad der Verwilderung ablesen. Viele der 350 betroffenen Pächter haben nur noch bis zum Termin der Begutachtung für die Entschädigungssumme geackert. Seitdem wachsen Hecken und Sträucher munter in alle Richtungen. Am Parkplatz Kiehlufer verstaut ein Rentnerpaar aus Buckow gerade sein Laubeninventar im Audi. Bis zum 30. November müssen sie wie alle anderen ihr Grundstück räumen. Im Dezember erwarten sie dann 7300 Euro als Entschädigung. Mit der Summe sind sie zufrieden, mit dem Verlust der Parzelle haben sie sich schweren Herzens abgefunden. „Schade drum. Wir fangen nicht nochmal neu an.“

Die Kolonie Treue Seele plant für den 23. Oktober eine „A 100 Abschiedsfete“. Der Termin steht schon lange fest, „damit wollten wir eigentlich die betroffenen Kolonisten verabschieden“, sagt ein Vereinsmitglied und lacht. Betroffen wären zwei Drittel der Treuen Seelen.Thomas Loy

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