Wartungschaos : Wirtschaftsprüfer sollen Schuldige bei der S-Bahn finden

Bei der S-Bahn wurden offenbar systematisch Werkstattberichte gefälscht und gegen Wartungsvorschriften verstoßen. Nach Überzeugung des Bahnvorstands Homburg geschah dies auf Anweisung von "ganz oben".

Claudia Pietsch,Torsten Hilscher[ddp]
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Mit gefälschten Wartungsberichten hat die S-Bahn offenbar auch Fahrgäste in Gefahr gebracht. -Foto: ddp

Bei der Berliner S-Bahn sollen ab sofort unabhängige Prüfer die Unregelmäßigkeiten bei den Sicherheitsüberprüfungen der Züge untersuchen. Der Vorstand für Personenverkehr der Deutschen Bahn AG, Ulrich Homburg, kündigte am Freitag in Berlin an, neben der internen Revision seien auch Wirtschaftsprüfer von KPMG und eine Anwaltskanzlei eingeschaltet. Mit den neuen Partnern werde auch ein Konzept zur künftigen Vermeidung "solcher Vorgänge" erarbeitet.

Homburg sagte, seit 2004 sei bei der S-Bahn Berlin GmbH "systematisch" gegen Tauschvorschriften für Bremszylinder an den Zügen verstoßen worden. "Es sind Prüf- und Wartungsarbeiten dokumentiert worden, die nicht vollständig oder gar nicht durchgeführt wurden", fügte Homburg hinzu. "Einige Dokumente suggerieren nur, dass etwas ausgeführt wurde." Augenscheinlich sollte eine heile Welt vorgespielt werden. Die Aufklärung erfolge lückenlos und ohne Ansehen der Person.

Fälschungen haben strafrechtliche Relevanz

Es entziehe sich seiner Vorstellungskraft, dass einzelne Werkstattmitarbeiter aus eigenem Antrieb vorsätzlich fälschten und gegen Vorschriften verstießen. "Dagegen sträube ich mich", betonte Homburg. Nach seiner Überzeugung war das "nur auf Anweisung von oben" möglich. Nun gehe es darum zu ermitteln, wer den Beschäftigten diese Anweisungen erteilt hat. Die damaligen Vorgänge bewegten sich offensichtlich im strafrechtlichen Bereich.

Vor dem Hintergrund der anfallenden Mehrarbeiten lobte Homburg die Werkstattmitarbeiter und sagte: «Sie machen einen Irrsinnsjob.» Zur Unterstützung wurden den Angaben zufolge rund 30 Mechaniker aus dem Bahnwerk Eberswalde nach Berlin geholt. Die Aufarbeitung der Bremsen erfolge zusätzlich in Fulda, dem S-Bahn-Werk Schöneweide und beim Bremsenhersteller Knorr.

Lokführergewerkschaft: Mittleres Management gab Anweisungen

Zugleich kündigte Homburg weitere Überlegungen zur Entschädigung für die Fahrgäste an. Bislang sollen nur Abokunden im Dezember einen Monat kostenfrei fahren dürfen. Homburg sagte: "Wir werden uns gegebenenfalls Gedanken zu einem neuen Personenkreis machen." Konkretes werde in der "nächsten Zeit" mitgeteilt.

Auch die Lokführergewerkschaft GdL fordert eine zügige Aufklärung der Vorwürfe, wonach bei der S-Bahn Wartungsprotokolle gefälscht worden seien. Dies sei vorrangig, um die Mitarbeiter von einem Generalverdacht zu befreien, sagte der Vorsitzende des GdL-Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen, Hans-Joachim Kernchen. Er könne sich nicht vorstellen, dass in diesem sicherheitsrelevanten Bereich Mitarbeiter vor Ort diejenigen seien, "die entscheiden, machen sie die Arbeit oder machen sie sie nicht". Für Kontrolle und Anweisungen sei das mittlere Management verantwortlich gewesen.

Wegen Sicherheitsmängeln an den Zugachsen ist der S-Bahn-Verkehr bereits seit Monaten eingeschränkt. Nun wurden zusätzlich Probleme an Bremszylindern entdeckt, die umgehend beseitigt werden müssen. Seit Montag ist deshalb lediglich ein Viertel der S-Bahn-Flotte im Einsatz. (ho/ddp)

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