Berlin : Verkehrsgünstige Lage und Nähe zu anderen Lagerhäusern meist ausschlaggebend

Claus-Dieter Steyer

Für diesen Job muss der Fahrer schwindelfrei sein. Denn im flotten Tempo geht es bis auf eine Höhe von 14 Metern, ohne Netz und doppelten Boden. Doch der Mann am Steuerpult des ungewöhnlichen Gabelstaplers beruhigt. Niemand könne herunterfallen. Das verhinderten die nahen Metallgerüste mit ihren Verstrebungen und Auflagen. Dennoch verschaffen die Fahrt nach oben und der Blick auf die Arbeiter am Boden doch ein gewisses Magenkribbeln. Das verspüren aber wohl nur die Gelegenheitsgäste. Für die Männer im neuen Hochregallager der Firma Möbel Walther in Freienbrink am östlichen Berliner Autobahnring ist dieses Gefühl Alltagssache.

Auf mehreren Etagen werden in dem langen Gebäude am Rande des Güterverkehrszentrums Möbel verschiedener Hersteller für die Kunden gestapelt zusammengestellt. Sind Wohnzimmer, Bad oder Küche komplett, erfolgt der Auftrag zum Abholen durch die Spedition.

Der Bau des neuen Hochregallagers geschah nicht zufällig in Freienbrink. Zum einen liegt das Vogelsdorfer Einrichtungszentrum von Möbel Walther am Schnittpunkt der Bundesstraßen 1 und 5 mit der Autobahn nur wenige Kilometer entfernt. Zum anderen befinden sich auf der Fläche fast in Sichtweite der Autobahn noch andere Lagerhäuser und Speditionen, so dass sich hier Servicebetriebe wie Tankstelle, Bistros oder Abrechnungsstellen genutzt werden können. Sogar Bahngleise liegen in diesem ehemals zum Stasi-Ministerium gehörenen Areal. Doch die haben schon reichlich Rost angesetzt. Das letzte Mal müssen hier im Herbst 1989 Züge gefahren sein. Sie brachten massenhaft Trabis, Wartburgs und andere Autos von DDR-Bürgern nach Freienbrink. Die Fahrzeuge hatten die Eigentümer bei ihrer Flucht in den Westen notgedrungenerweise in Ungarn zurückgelassen. Nach dem Mauerfall konnten sie ihre Besitzer wieder aus Freienbrink abholen.

Heute hat der Eisenbahnanschluss für große Möbel- und Handelshäuser oder reine Speditionen keine Bedeutung mehr. Gerhard Walther, Vorstandsmitglied von Möbel Walther, winkt ab: Zu teuer, zu unrentabel und für Möbelhändler wegen der Auslieferung an die Kunden ohnehin nicht lohnenswert.

Dabei hatte ursprünglich die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) die so genannte Brechung des Verkehrs in den Vordergrund ihres Werbens für Freienbrink und die beiden anderen Standorte Wustermark im Westen und Großbeeren im Süden Berlins gestellt. Per Zug sollten die für die Großstadt bestimmten Güter umweltfreundlich bis an den Stadtrand gelangen. In den drei Zentren hätten dann kleine Lkw den Weitertransport übernommen, um die meist vollen Straßen entscheidend zu entlasten. In Wustermark pries die LEG sogar die Umladung vom Schiff auf Lkw an. Doch beim Hafen bestehen derzeit wegen der Verzögerung im Havelausbau - dem umstrittenen Verkehrsprojekt 17 - insgesamt große Unsicherheiten.

Besonders grotesk wirken heute Berichte von der Eröffnung des modernen Containerterminals in Großbeeren vom Sommer 1998. Die einzige große Blechkiste, die hier jemals verladen worden ist, war jene zur Premierenfeier. Spediteure und die Deutsche Bahn Cargo schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Erstere klagen über zu teure und unflexible Fahrzeiten, die Bahn dagegen beschwert sich über ein viel zu geringeres Frachtaufkommen an ihrem Terminal. Birgit Flügge, in der LEG als Projektleiterin für die Güterverkehrszentren (GVZ) zuständig, mahnt zur Geduld. Bisher sei der Lkw gerade gegenüber der Bahn noch konkurrenzlos billig. Doch das werde nicht immer so bleiben. "Es ist eine Frage der Zeit, bis sich die Kosten angleichen", sagt Birgit Flügge.

So bleiben die Güterverkehrszentren (GVZ) bis jetzt vor allem große Flächen für riesige Lagerbetriebe. Das allein verbucht die Landesentwicklungsgesellschaft schon als Erfolg, denn damit sei eine unplanmäßige Zersiedelung der Landschaft verhindert worden. Vom Umsatz aller Gewerbeflächen in Berlin und seinem Umland entfielen auf dieten die GVZ schon 30 Prozent.

Besonders in Wustermark steigt die Nachfrage. Hier siedelten sich 1999 acht Unternehmen an, darunter das Kraftverkehr Nagel und die Märkischen Backshops. Der frühere Staatssekretär im Bauministerium, Horst Gräf, vergleicht die Güterzentren mit den nach der Jahrhundertwende entstandenen Berliner Stadtgütern im Umland. "Unsere späteren Generation werden froh sein, dass wir die vielen Lager an wenigen Stellen konzentriert haben. Sonst wäre Wildwuchs entstanden", sagt Gräf.

Ende 2000 wird mit rund 3800 Arbeitsplätzen in den drei Zentren gerechnet. Die meisten davon entstehen im kaufmännischen Bereich und in der Lagerhaltung - einige davon in schwindelerregender Höhe.

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