Verlassen, verfallen, aufgegeben : Berliner Ruinen: Zehn Orte ohne Zukunft

Mehr als zwei Jahrzehnte Baufieber haben das Verlassene und Aufgegebene in Berlin fast verschwinden lassen. Eine kleine Auswahl der verbliebenen Ruinen, die Türen in längst vergangene Zeiten öffnen.

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Seit 2005 liegt das ehemalige Institut für Anatomie der FU in Berlin-Dahlem im Dornröschenschlaf.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Clara Tietze
21.09.2016 15:20Seit 2005 liegt das ehemalige Institut für Anatomie der FU in Berlin-Dahlem im Dornröschenschlaf.

Alte Maschinenfabriken sind jetzt Loftwohnungen, verlassene Platten des Sozialismus wurden abgerissen und die Lücken mit Neubauten der Neunziger und Nuller Jahre gefüllt. Doch es gibt viele Stellen, an denen der neue Glanz brüchig wird, manchmal schon bei einem Blick über den Hof auf ein verrammeltes Haus. Ein Gang durch die Ruinen öffnet Türen in längst vergangene Zeiten - am Stadtrand, aber auch mitten im Kiez.

Unter denen, die sich auf die Suche nach diesen Plätzen begeben, sind viele Stadterkunder mit einer Kamera. Die meisten halten sich an die Regel der "Urban Explorer", nichts zu hinterlassen außer den eigenen Fußspuren, und nehmen von den Orten nur die Fotos mit. Mehr als 200 dieser Bilder sind in unserem Fotoprojekt „Berlin: Eine Stadt voller Ruinen“ zu sehen. Es ist eine Sammlung, die wohl nie enden wird. Denn die Neubauten von heute könnten schon die nächsten Ruinen sein.

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, weitere Aufnahmen von verlorenen und vergessenen Orten in Berlin gemacht haben, freuen wir uns über eine E-Mail an leserbilder@tagesspiegel.de. Die Galerie finden Sie unter Adresse: www.tagesspiegel.de/ruinen

Brückenruine der alten Siemensbahn, zwischen dem ehemaligen S-Bahnhof Wernerwerk in Richtung Jungfernheide.
Brückenruine der alten Siemensbahn, zwischen dem ehemaligen S-Bahnhof Wernerwerk in Richtung Jungfernheide.Foto: Paul Heidemann

Siemensbahn

Eine verrostete Brücke, alte Bohlen, die im Gestrüpp verschwinden und Bahnhöfe voller Graffiti. Auf der alten Trasse von der Jungfernheide über die Bahnhöfe Wernerwerk und Siemensstadt bis nach Gartenfeld ist zuletzt 1980 ein Zug gefahren. Nur Ruinen-Touristen wagen sich heute noch auf das Stahlviadukt, das zur Bauzeit Ende der 20er Jahre hochmodern war. Werksarbeiter von Siemens kamen mit der Verbindung schneller zur Arbeit, ein halbes Jahrhundert lang. Zuletzt hatte der Arbeitsplatzabbau in der Siemensstadt und die verlängerte U-Bahnlinie U7 die Auslastung sinken lassen.

Die drei Bahnhöfe werden wohl nie wieder in Betrieb gehen. Immer wieder wandern Neugierige auf den Stahlviadukten der alten Strecke entlang durch die Wohnsiedlungen der Siemensstadt bis zum Bahnhof Gartenfeld. Dort hat sich inzwischen ein Gartencenter niedergelassen.

Wasser dringt durch offene Fenster und kaputte Dächer ein. - Foto: Wan Fung Law (CC: BY 2.0)
Wasser dringt durch offene Fenster und kaputte Dächer ein. - Foto: Wan Fung Law (CC: BY 2.0)Wan Fung Law

Beelitz-Heilstätten

Geisterstimmen soll man hier hören. Von verwundeten Soldaten, die in den langen Gängen nach einem Arzt schreien, wild mit den Türen schlagen. „No one gets out here alive“, hat jemand an die Wand geschrieben. Doch um das verfallene Krankenhausgelände Beelitz-Heilstätten interessant zu finden, ist kein Hang zum Übersinnlichen nötig. Eine Stunde Fahrt mit der Regionalbahn von der Berliner Innenstadt entfernt liegt die einst größte Lungenheilstätte Europas. Erich Honecker wurde hier behandelt, der Gefreite Adolf Hitler soll hier kuriert worden sein – und nun tropft das Wasser durch die Decken.

 Am Ende des 19. Jahrhunderts begann die Landesversicherungsanstalt Berlin mit dem Bau der prächtigen Anlage im Beelitzer Stadtwald, um die vielen Tuberkulosekranken aus den feuchten Berliner Mietwohnungen endlich an die frische Luft zu bringen. In beiden Weltkriegen mussten lungenkranke Patienten verletzten Soldaten Platz machen. Nach 1945 zog die Rote Armee nach Beelitz-Heilstätten. Die Russen betrieben hier das größte Militärhospital außerhalb der Sowjetunion. Seit dem Ende des Riesenreichs wird vergeblich nach neuen Nutzungsmöglichkeiten gesucht. Nur die alte Männerheilstätte wurde restauriert.

 In den vergangenen Jahren fiel der Name Beelitz-Heilstätten im Zusammenhang mit Kriminalfällen. Der Fotograf Michael F. soll 2008 auf dem Gelände düstere Motive mit einer jungen Frau aufgenommen haben, die später beim gemeinsamen Sado-Maso-Sex starb.

Doch wenn nicht gerade Aufnahmen für Spielfilme gemacht werden, ist es ruhig hier. In ein helles Zimmer hat jemand einen Liegestuhl gestellt. Der Blick durch die Fenster fällt auf die rankenden Bäume des Beelitzer Stadtwalds, die langsam an den Mauern Wurzeln schlagen.

Willkommen in zwei ehemaligen legendären Berliner Ausflugslokalen - der Riviera und dem Gesellschaftshaus. Beide liegen nebeneinander in der Grünauer Regattastraße, direkt am Ufer der Dahme. Über der Bühne hängt noch der langsam vermodernde Vorhang, im Saal steht ein einsamer Stuhl. - Foto: M.A.R.C. (CC BY-SA 2.0)
Willkommen in zwei ehemaligen legendären Berliner Ausflugslokalen - der Riviera und dem Gesellschaftshaus. Beide liegen...M.A.R.C.

Riviera und Gesellschaftshaus Grünau

Sonnenstrahlen fallen in den staubigen Saal des alten Gesellschaftshauses Grünau, durch einige offene Türen des ansonsten vernagelten Gebäudes. Auf dem Boden vermodern Schifferparkett und heruntergefallene Fensterrahmen. Ein einsamer Stuhl steht mitten im Saal und lenkt den Blick auf die Bühne, über der ein roter Vorhang vermodert. "Metropolen von Frohsinn und Entspannung" sollen die Riviera und das Gesellschaftshaus einmal gewesen sein, erzählt Ralf Rohrlach, ein Tagesspiegel-Leser. Das lässt sich leicht vorstellen, wenn man den prächtigen Stuck betrachtet, der jetzt nach und nach von der Decke prasselt, die reich verzierten Wände - und erst die Lage: Direkt an der Regattastrecke am Ufer der Dahme.

 Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts feierten Generationen hier. Damals, als man mit Geld aus Berlin heraus nach Grünau zog und prächtige Villen baute. Auch zu DDR-Zeiten waren die Lokale noch ein beliebtes Ausflugsziel. Doch der Verfall währt nun schon länger als 20 Jahre. "Nur noch peinliches Zeugnis einer misslungenen, wohl ahnungslosen Vermarktung nach irgendwo", nennt Ralf Rohrlach den traurigen Zustand. Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative zur Rettung der beiden denkmalgeschützten Häuser gegründet.

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