Berlin : Vermisst: Suchen, erneut suchen, noch einmal suchen

Katja Füchsel

Im Klüsserather Weg in Marzahn haben Zeugen die kleine Sophia Wendt zuletzt gesehen, auf die Gegend um die Nebenstraße konzentriert die Polizei seitdem ihre Suche: Auch am gestrigen Sonntag reihte sich zwischen Einfamilienhäusern und der Kleingartenkolonie "Sorgenfrei" Einsatzwagen an Einsatzwagen. Polizisten durchsuchten die Lauben, Hundeführer durchkämmten die Gärten. Das neunjährige Mädchen blieb trotz Großaufgebots bis zum frühen Abend verschwunden.

Auf einem Bahngelände am Klüsserather Weg hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sein Quartier zwischen weißen Zelten bezogen: Rettungswagen passieren das bewachte Tor, zwei Polizisten brechen zur Durchsuchung auf. Der Laubenbesitzer wartet bereits am Gartenzaun. "Das ist doch ganz klar, dass alles durchsucht werden muss", sagt er. Sein Garten liegt nur ein paar Meter vom Hause Wendt entfernt, er hat selbst zwei Kinder und spricht aus, was viele denken: "Das ist doch der Albtraum aller Eltern."

Der Albtraum der Familie Wendt begann am Donnerstag nachmittag, als ihre Tochter nach dem Hort ausblieb. Es sind nur wenige Minuten Fußweg von der Adam-Riese-Grundschule in der Gensinger Straße bis zum Elternhaus im Klüsserather Weg. Sophia hatte mit zwei zehnjährigen Schulkameraden den Hort gegen 16 Uhr verlassen. Die Drei trennten sich vor einem Kiosk an der Reiler Straße, wo sich das Mädchen Lutscher kaufte. Zwei Zeugen wollen es etwa gegen 16.45 Uhr noch einmal in der Reiler Straße und am Klüsserather Weg gesehen haben. Nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt ist sie spurlos verschwunden.

Am Sonnabend hatten sich Vater, selbst Polizeibeamter, und Mutter den Kameras und Mikrofonen gestellt, gestern blieb vor dem Einfamilienhaus alles still. "Die Eltern sind völlig verzweifelt", sagt ein Polizeibeamter. Die Anwohner sind an diesem Vormittag am Klüsserather Weg in der Minderzahl. Die 13-jährige Maren geht mit ihrer Mutter spazieren. "Natürlich habe ich jetzt noch mehr Angst um meine Tochter." Neue Regeln muss die Familie deshalb aber nicht einführen: Maren gehe "grundsätzlich" nicht unbegleitet aus dem Haus. "Nicht zur Schule, nicht zum Klavier."

Bereits am Donnerstagabend hatten rund 70 Polizisten, acht Suchhunde und zeitweise ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera mit der Suche begonnen. Am Freitag übernahm die 9. Mordkommission die Ermittlungen, inzwischen arbeiten außerdem die 2. und 5. Mordkommission an dem Fall. Am Sonntag durchkämmten rund 90 Helfer die Umgebung.

Auf die Kooperation der Gartenfreunde sind die Fahnder nicht angewiesen. "Wenn die Besitzer abwesend sind, heben wir die Hunde eben über die Zäune", heißt es bei der DRK-Einsatzleitung. 25 Hunde hat man mitgebracht, allein ein Tier ersetze 50 Menschen bei der Suche. Ein ausgebildeter Hund müsse "nur an der Haustür schnüffeln", um einen menschlichen Körper in der Laube ausmachen zu können.

Die meisten, aber nicht alle Anwohner zeigen Verständnis. "Es war schon gestern jemand von der Polizei im Haus", streitet sich beispielsweise eine Frau mit einem Ermittler am Gartenzaun. Sie dulde keine weitere Begehung, "nicht ohne Durchsuchungsbefehl". Schwierigkeiten bereitet auch die Nachbarin, sie will "niemand mehr in meinem Garten" sehen. Der Mann von der Mordkommission versucht es zunächst mit guten Worten, dann verabschiedet er sich kurz: "Sie hören von uns!"

Die Ermittler haben nach Sophias Verschwinden schnell mit dem Schlimmsten gerechnet: Das Kind kommt aus behüteten Verhältnissen, ist nie von zu Hause ausgerissen, hat weder schulische noch familiäre Probleme. Sophie Wendt ist 1,20 Meter groß und kräftig. Sie hat grünblaue Auge und dunkelbraune, hüftlange Haare. Über der linken Augenbraue hat sie eine etwa zwei Zentimeter lange Narbe. Bekleidet war sie mit einer roten Jacke, einer schwarzen Hose mit gelb abgesetzten Taschen und schwarzen Stiefeln. Hinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 699 32 777 entgegen.

Viele Gerüchte machen derzeit im Klüsserather Weg die Runde: Da ist die Rede von einer "Seherin", die das Kind "im Schacht bei den Gleisen" vermutet. Ein telepathisch begabter Junge soll Sophia am "Tümpel hinter der Brücke" gesucht haben. Für andere kommt nur das "verlassene Militargelände" in Frage. Doch ein Polizeisprecher winkt ab. Alles bereits abgesucht, sagt Dräger. "Vorwärts, rückwärts, hoch und runter."

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