Berlin : Verquer, aber gut

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„Cross“ bedeutet laut englischem Wörterbuch: quer, schief, ärgerlich, zuwider. Und in der Tat ist der „Cross Country Run“ ein ärgerlicher, dem gewohnten Laufgefühl völlig widersprechender Geländelauf. Der Fachmann weiß, warum querfeldein laufen trotzdem Spaß macht.

Der Crosslauf wird in der Laufbewegung unterschätzt. Bei der Masse der Läufer kommt er nicht recht an, obwohl der Geländelauf beim größten Marathonveranstalter Deutschlands, dem SCC Berlin, schon zehn Jahre länger im Terminkalender steht als der weltbekannte BerlinMarathon. Doch ein Crosslauf in wunderbarem Waldgebiet kann eine echte Herausforderung sein. Die Streckenlängen variieren zwischen acht und zwölf Kilometern – machbar für jeden Freizeit-Jogger. Allerdings sind Regen, Matsch, Wind und Kälte die Gegner beim Crosslauf. Wurzeln gibt es reichlich, mal klatscht einem ein Zweig ins Gesicht, dann geht es wieder über Hügel. Acht Kilometer Crosslauf können einen fordern wie ein Halbmarathon, mental sogar noch mehr. Oft ist das Wetter miserabel, weil Crosslaufen traditionell immer nur im Herbst und Frühjahr stattfindet. Mit Ihren Klamotten werden Sie kaum ein gepflegtes Heim betreten dürfen. Andererseits: Ist das nicht unbezahlbar, eins mit dem Wetter und der Welt sein zu dürfen?

Abgesehen von der Jagd beim Cross, wenn 200 Leute auf einer Lichtung starten und nach 300 Metern der Weg zu einer Breite von vier Metern schrumpft, aber alle vorne sein wollen, ist das Laufen in unwegsamem Gelände auch im Trainingsalltag als willkommene Abwechslung sehr zu empfehlen. Es strengt mehr an, belastet auch mal andere Muskelgruppen und zwingt zur Konzentration. Ihre Füße müssen mehr halten und stabilisieren, weil jeder Schritt anders ausfällt. Mein Vorschlag: Biegen Sie doch von Ihrer normalen Waldrunde einmal ab ins Unterholz, ohne Kilometer- oder Zeitvorgaben.

Die Cross-Saison ist für jeden Klasseläufer Pflicht bei der Vorbereitung der Laufwettkämpfe des Frühjahrs, Sommers und frühen Herbstes. Der gute Läufer wird im Herbst und Winter gemacht. Was Sie da an Beharrlichkeit vermissen lassen, holen Sie im kurzen Sommer nicht mehr rein.

Jens Karraß, 35, geboren in Hoyerswerda, war 1985 DDR-Spartakiade-Sieger und mehrfach Deutscher Meister auf allen Langstrecken und in allen Altersklassen. Er läuft für den SCC Berlin, arbeitet als Personal Trainer und Fitnesscoach, leitet in Berlin den AOK-Frühstückslauf und ist seit 2000 Laufbotschafter für Unicef.

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