Berlin : Verschwunden, verschollen, abgetaucht

Ralf Schönball

Marita Bartel (Name geändert) kam der Anruf gar nicht gelegen: Die Dame aus Berlin platzte mitten in ihre Hochzeitsvorbereitungen mit der Nachricht herein, dass sie ihre Zwillingsschwester nach 30 Jahren unbedingt wiedersehen wollte. Die beiden Schwestern waren kurz nach der Geburt getrennt und von zwei verschiedenen Familien adoptiert worden. Seither waren sich die Zwillinge nicht mehr begegnet. Aber ein Wiedersehen ausgerechnet jetzt, wo die Nerven wegen der Vorbereitungen ohnehin schon blank lagen, das passte der Braut nun gar nicht.

Susanne Panter, Leiterin des Personensuchdienstes „Wiedersehen macht Freude“, konnte sie umstimmen. Eine verblüffende Duplizität der Ereignisse erleichterte ihr die Aufgabe: Auch der Zwilling in Berlin stand nämlich kurz vor der Eheschließung und wollte das Fest nicht ohne seine Schwester feiern. Und so kam es, dass die beiden Frauen, die ihre jeweilige Hochzeit ohne es zu wissen auf dasselbe Datum gelegt hatten, dann doch zusammen feierten.

Geschichten wie diese kennt Personensucherin Panter viele. Seit fünf Jahren verfolgt sie die Spur von Menschen, die von ihren Eltern oder Geschwistern, Freunden oder Schulkameraden vermisst und deshalb gesucht werden. „Meistens befinden sich unsere Auftraggeber in einer Umbruchphase“, sagt sie über ihre Klienten. Das kann ein glücklicher Anlass sein, ein Geburtstag etwa. Manchmal weckt aber auch ein Todesfall die Sehnsucht nach ehemals vertrauten Menschen. Die meisten Vermissten werden gefunden. Und nur einer von zehn lehnt strikt ein Wiedersehen mit dem Suchenden ab.

Wer dagegen abtaucht und jeden Kontakt abgebrochen hat, dem spüren die Personensuchdienste nicht nach. Das sind Fälle für Privatdetektive. Bisweilen schaltet sich aber auch die Kriminalpolizei ein. Wenn Menschen plötzlich verschwinden, obwohl sie eigentlich nur kurz mal zum nächsten Supermarkt wollten. Über 6800 Menschen sind das in Berlin jährlich.

Zu den Kunden der Suchdienste zählen hingegen oft uneheliche Kinder, die ihren leiblichen Vater kennen lernen möchten. Einer Frau aus Berlin konnte der Kontakt zum leiblichen Vater im Kongo vermittelt werden. Nun stehen die beiden in Briefkontakt. Für eine persönliche Begegnung reicht das Geld nicht – der Flug ist teuer. Einige Väter lehnen ein Treffen mit ihrem unehelichen Kind aber auch ab. Weil sie Unterhaltsforderungen fürchten zum Beispiel. „Das geht so weit, dass sie sogar leugnen, die gesuchte Person zu sein“, sagt Andreas Löb.

Löb ist seit zehn Jahren auf Personensuche und kennt auch die Kehrseiten des Jobs. Eine Auftraggeberin musste er herb enttäuschen: Der angeblich vermögende Witwer, mit dem die Dame ihr Bett geteilt hatte, war in Wirklichkeit verheiratet und Vater von zwei Kindern. „Da wird ganz schön geschwindelt“, sagt Löb. Besonders bei Kontaktbörsen im Internet sei Vorsicht geboten. Um die Chancen auf eine persönliche Begegnung zu verbessern, werde beim Chat der Wohnort in ein besseres Viertel „verlegt“ und dazu auch der passende Beruf erfunden.

Wer einen Menschen suchen lässt, der gar nicht gefunden werden will, sollte einen Detektiv beauftragen. Der kann den geschiedenen Ehemann aufspüren, der seine Alimente nicht mehr zahlt. Er findet untergetauchte Schuldner und im besten Fall auch beiseite geschafftes Vermögen. „Viele Suchaufträge kommen aus der Baubranche“, sagt Manfred Kohlrausch, Chef der Firma Duvos. Pleitiers in dieser von Insolvenzen besonders betroffenen Branche meldeten sich beim Einwohnermeldeamt einfach ab. Dann kommen die Mahnschreiben der Rechtsanwälte ungeöffnet mit dem Vermerk zurück: „Unbekannt verzogen“.

Ohne Wohnsitz kann auch der Gerichtsvollzieher nichts pfänden. „Ein Schuldner hatte sogar einen Wohnsitz in Marbella angegeben, doch wir haben ihn in Dahlem ausfindig gemacht, wo man ihn nun gar nicht vermutet hatte“, sagt Kohlrausch. Dort lebte er in einer komfortablen Wohnanlage, die er als Unternehmer selbst errichtet hatte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben