Versöhnungsprojekt : Das kannst du mir glauben

Judentum und Islam? Spannende Religionen! Das lernen Jugendliche gemeinsam im Projekt „Schalom Aleikum“ des Frauenmagazins Aviva-Berlin.

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Neue Perspektiven. Die Schülerinnen Paria Moradi und Mai Itskovich machen als Bildungs-Tandem mit bei „Shalom Aleikum“. Vanessa Rau (hinten links) leitet das Projekt, das Sharon Adler erdacht hat.
Neue Perspektiven. Die Schülerinnen Paria Moradi und Mai Itskovich machen als Bildungs-Tandem mit bei „Shalom Aleikum“. Vanessa...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlins Jugendliche lernen im Ethikunterricht auch Religionen kennen, wie das Judentum und den Islam. Doch bei vielen bleibt es abstraktes Wissen. Nicht wenige Jugendliche aus Einwandererfamilien beider Religionen begegnen sich sogar feindselig, weil sie das, was sie über den Nahostkonflikt hören, auf Deutschland übertragen.

Paria Moradi und Mai Itskovich haben die Chance, sich kennenzulernen, Verständnis zu entwickeln, vielleicht sogar Freundschaft. Sie machen mit bei „Schalom Aleikum“. Das ist ein Projekt des Online-Frauenmagazins „Aviva-Berlin“. Paria Moradi ist 12 Jahre alt und Tochter iranischer Einwanderer. Mai Itskovich ist 17 und Tochter einer israelischen Mutter und eines serbischen Vaters. „Im Ethikunterricht sprechen wir gerade über das Judentum und ich entdecke meine jüdische Seite neu“, sagt jetzt Mai am roten Küchentisch in der Kreuzberger „Aviva“-Redaktion. „Von dir würde ich gerne etwas über den Islam erfahren“, sagt Mai zu Paria. Viel wisse sie über den Islam nicht, sagt Paria. Sie sei nicht so religiös. Aber sie werde sich kümmern. Im Titel des Projekts „Schalom Aleikum“ verschmelzen der jüdische und der islamische Gruß „Schalom“ und „Salam Aleikum“, erzählt Sharon Adler.

Als „Tandem“ nähern sich die jungen Frauen an

Vier weitere jüdisch-muslimische Frauen-Tandems werden wie Paria und Mai darüber schreiben, wie sie sich einander annähern und wie sich ihre Wahrnehmung durch den anderen verändert. „Sich kennenlernen geht am besten, wenn man etwas gemeinsam auf die Beine stellt“, sagt Aviva-Chefredakteurin Sharon Adler. Zwei Künstlerinnen wollen durch eine Installation auf eine historische Parallele hinweisen: Wie Juden ab 1939 in Polen, mussten nichtserbische Mädchen 1992 im bosnischen Prijedor weiße Armbänder tragen und wurden aus der Stadt vertrieben. Mai und Paria wollen zusammen Musik machen und sich Briefe schreiben, wenn Mai in den Sommerferien nach Israel fliegt und Paria in den Iran. Paria möchte außerdem etwas über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon recherchieren. Salomon hat die gleiche Charlottenburger Schule besucht wie Paria – vor 90 Jahren.

Sie war eine begabte Malerin und wurde in Auschwitz ermordet. „Was mit ihr passiert ist, berührt mich sehr“, sagt Paria. Der Nationalsozialismus war in der Schule noch kein Thema. Was sie darüber weiß, hat sie sich selbst angelesen.

Es ist nicht so, dass Paria und Mai sonst nichts zu tun hätten. Die Schule ist anstrengend, Mai jobbt nebenher und singt und textet in einer Band. Paria schreibt regelmäßig für eine Schöneberger Kiez-Zeitschrift. Das Schreiben macht beiden so viel Spaß, dass sie unbedingt bei „Aviva“ mitmachen wollten. Am Ende werden die Beiträgen der Tandem-Partner in einer Broschüre veröffentlicht und natürlich online zu lesen sein. Nebenbei lernen die Mädchen auch etwas über den Alltag in einer Online-Redaktion.

Ausgedacht hat sich alles Sharon Adler. Sie ist 52, gelernte Fotografin, Publizistin und Moderatorin. Vor 14 Jahren hat sie an diesem roten Küchentisch in Kreuzberg beschlossen, ein Frauenmagazin zu gründen. „Ich wollte ein Magazin nach meinem Geschmack“, sagt Sharon Adler. Ein Magazin ohne Diätpläne und Schminktipps, aber mit viel Kultur, Informationen aus der Arbeitswelt und über Frauen-Netzwerke. Und weil sie Jüdin ist auch mit Reportagen, Interviews und aktuellen Terminen aus dem jüdischen Leben in Deutschland. Ein zinsloser Bankkredit ermöglichte den Start.

Die halbe Redaktion ist ehrenamtlich tätig

Dass das Magazin gewachsen ist und sich in immer neue Bereiche hinein entfaltet, liegt auch an der vielen ehrenamtlichen Arbeit, die darin steckt. Nur die Hälfte der rund 30 Redaktionsmitglieder bekommt Geld. Die anderen machen mit, weil es ihnen Spaß macht, Bücher jenseits des Mainstreams zu rezensieren, in gute Konzerte zu gehen und neue CDs zu besprechen. Um überhaupt etwas zahlen zu können, moderiert Adler Veranstaltungen, hält Vorträge und übernimmt Aufträge als Fotografin. Es gibt auch Anzeigen auf der Aviva-Seite. Doch die zu akquirieren, sei ein mühsames Geschäft, sagt sie. Für einzelne Projekte zieht sie oft institutionelle Geldgeber an Land. „Schalom Aleikum“ fördert das Bildungswerk Berlin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. So kann Sharon Adler Projektleiterin Vanessa Rau bezahlen, eine Anthropologin und Religionssoziologin. Aber auch sie kann sich die Mitarbeit bei „Aviva“ nur leisten, weil sie hauptamtlich in einer Stiftung arbeitet.

Preisgekrönte Arbeit

Vor zwei Jahren wurde Sharon Adler mit dem Berliner Frauenpreis ausgezeichnet. Die Filmemacherin und Moderatorin Mo Asumang hatte sie vorgeschlagen. „Sharon Adler setzt sich mit ihrer Arbeit unermüdlich für Emanzipation und gegen Sexismus, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art ein“, schrieb sie in ihrer Begründung. „Aviva-Berlin lässt Frauen zu Wort kommen, die etwas zu sagen haben, Frauen, die es geschafft oder noch nicht geschafft haben. Oder Frauen, die tot und vergessen sind.“ Adler schaffe es, Öffentlichkeit für Themen zu schaffen, für die sich die großen Blätter oft nicht interessierten. Das sei in dieser Form einzigartig und „besonders wichtig für junge Frauen, die sich ansonsten an Role Models orientieren, die sich in DSDS oder Germany's Next Top Model bewegen“.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Vielleicht nur noch das: „Aviva“ bedeutet auf Hebräisch Frühling.

- Wer mitmachen möchte bei „Schalom Aleikum“, kann sich bis 15. Juni bewerben unter Tel. (030) 6918503 und (030) 69816752 oder per Mail an sharon@aviva-berlin.de. Alles im Netz: www.aviva-berlin.de

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