Vertriebene in Berlin : Was ist Heimat?

Flucht, Notunterkünfte, Entwurzelung: Darüber diskutierte Deutschland auch 1945. Viele Heimatvertriebene landeten nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin. Bis heute leben manche in Enklaven der Erinnerung.

Johannes Laubmeier
Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.
Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Es ist nicht mehr Winter, aber auch noch nicht Frühling. Sibylle Dreher geht durch Bydgoszcz, 400 Kilometer östlich von Berlin, das sie nur Bromberg nennt. Die alte Dame biegt in einen Schotterweg ein, der an einem Kanal entlangführt. Bäume säumen ihn, breite Stufen führen zum Ufer hinunter, wo im Sommer manchmal die Angler sitzen. Es ist ruhig an diesem Morgen, nur ein paar Enten drücken sich am Rand herum. „Wenn mein Mann hierher kommt und am Kanal entlang geht, dann lebt er immer auf, da ist er wieder wie ein kleiner Junge“, sagt sie. Was das mit ihr mache, hier zu sein? „Ich stehe da drüber. Ich manage das.“ Und emotional? Sie schweigt. Und beginnt auf einmal zu weinen, ganz leise und kurz nur.

Wütend mache es sie, und traurig, sagt Sibylle Dreher dann. Sie biegt in einen zertretenen Pfad ein, an dessen Rand Baumwurzeln freiliegen, man muss aufpassen, wo man hintritt. An einer alten Backsteinkirche zwischen den Bäumen beginnt Frau Dreher wieder zu erzählen, gefasster jetzt, von der Zeit, als Bydgoszcz noch Bromberg hieß. Geschichte eigentlich, lange her, doch für sie, die weg musste, immer noch Gegenwart. Sibylle Dreher ist, so sagt sie selbst, eine Heimatvertriebene.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren und die anschließende Neuordnung des Kontinents führten, vor allem in Osteuropa, zu riesigen Bevölkerungsverschiebungen. Flüchtlinge: auch damals ein europäisches Großthema, Millionen Menschen mussten ihre Siedlungsgebiete verlassen. Die Deutschen – Bewohner der Ostgebiete und deutschsprachige Minderheiten der angrenzenden Staaten – waren unter ihnen die größte Gruppe. Sie flüchteten vor der vorrückenden Roten Armee oder wurden von den neuen Regierungen der Tschechoslowakei, Polens, Ungarns und anderen osteuropäischen Staaten ausgewiesen.

Zunächst fand die Vertreibung ungeregelt statt

Die Vertreibung, die unter dem Eindruck der von den Nationalsozialisten verübten Verbrechen zuerst ungeregelt stattfand und später im Potsdamer Abkommen festgeschrieben wurde, kostete unzählige Menschen die Heimat oder das Leben. Wie viele es waren, ist umstritten, Schätzungen gehen von zwölf bis 14 Millionen Vertriebenen und einer halben bis zwei Millionen Toten aus.

In den deutschen Besatzungszonen angekommen, waren die Vertriebenen gezwungen, sich ein neues Leben fern ihrer ehemaligen Wohnorte aufzubauen. Und obwohl sie und ihre Nachkommen inzwischen gut integriert sind, identifizieren sich viele noch heute mit den Landstrichen, die sie damals verlassen mussten. Oft wirken sie deshalb wie aus der Zeit gefallen, wie eine deutsche Parallelgesellschaft mitten in Deutschland.

Wer die Heimatvertriebenen verstehen will, muss sich hineinbegeben in die Enklaven der Erinnerung, die in Berlin an vielen Ecken versteckt sind. Und wer verstehen will, woher sie kommen, muss sich am Ende auch auf die Reise machen in ihre verlorenen Heimatregionen.

Man denkt nicht an Lankwitz, wenn man in Berlin nach Parallelgesellschaften sucht. Hier säumen junge Bäume die Straße, dahinter ziehen Jägerzäune und Hecken klare Grenzen. Familienkutschen parken am Straßenrand, ein christliches Gemeindezentrum ist gleich um die Ecke, hier ist die Stadt noch Dorf. Wer nach Lankwitz zieht, kommt meist, um zu bleiben, um Heimat zu finden.

Alfred und Sibylle Dreher mit einem Bild des Danziger Krantors.
Alfred und Sibylle Dreher mit einem Bild des Danziger Krantors.Foto: Georg Moritz

Sibylle Dreher lebt im zweiten Stock eines grauen Mehrfamilienhauses direkt an den S-Bahn-Gleisen, zusammen mit ihrem Mann. Am Fenster hängt ein Wappen: schwarzer Adler, Krone um den Hals, Schwert in der Hand. Hinter der Tür, im Inneren der Wohnung, liegt Westpreußen. Auf fast 100 Quadratmetern halten die Drehers die Erinnerung an das Gebiet südlich der Danziger Bucht wach, aus dem sie und ihre Eltern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden. 1945 kamen beide nach Deutschland, Ende der 70er Jahre lernten sie einander in Hannover kennen, seit 15 Jahren wohnen die beiden in Berlin. Weil es die interessanteste Stadt der Welt ist, wie Alfred Dreher sagt, aber auch, weil es nahe an Westpreußen liegt. Wie bei vielen anderen, die nach dem Krieg ihre Wohnorte im Osten Europas verlassen mussten, hat das Verlorene die beiden nie ganz losgelassen. Die Drehers leben in einer Welt voller Fotografien und Gemälde aus der alten Heimat, Menschen und Häuser in schwarz und weiß, Städte in Öl.

Fast schon ihr ganzes Leben kämpfen die beiden für die Erinnerung an Orte, die den meisten ihrer Nachbarn heute fremd geworden sind. Die Drehers haben viele Mitstreiter, in der ganzen Bundesrepublik, auch in Berlin. Sie sind vernetzt und leben ihre alten Bräuche, bei Lesungen und auf Kulturabenden mit regionaler Küche und Musik.

Am Stärksten eint sie der erlittene Verlust. Im Bundesvertriebenengesetz von 1953 bekamen sie ihren offiziellen Titel: „Heimatvertriebene“, so nennen sie sich auch heute noch. 70 Jahre nach der Ankunft im Gebiet der heutigen Bundesrepublik bleibt der Verlust ihr gemeinsames Identitätsmerkmal. Sie haben sich organisiert im „Bund der Vertriebenen“, und sie tauschen sich aus bei den Treffen der „Landsmannschaften“, die ihre jeweiligen Herkunftsgebiete repräsentieren. Im Berliner Landesverband waren nach dessen Auskunft kurz nach dem Krieg rund 100 000 Menschen organisiert. Inzwischen sind es natürlich deutlich weniger, rund 1000 Vertriebene zählt der Verband heute als Mitglieder, hinzu kommen 2500 Spätaussiedler, die nach 1991 aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind.

Die alten Grenzen sind verschwunden

Sibylle Dreher empfängt im Wohnzimmer, das dekoriert ist mit Fotografien vom Danziger Krantor und hochherrschaftlichen Gutshäusern in Westpreußen, einem Gemälde der Burg des Deutschen Ordens in Marienburg. Neben der Tür hängt eine Karte an der Wand, im Norden eine Bucht, ein breiter Strom, der sich nach Süden zieht. Das Gebiet, das sie zeigt, heißt heute anders, die alten Grenzen haben keine Gültigkeit mehr. Die Reiche, die hier hinter Glas heraufbeschworen werden, sind lange versunken, Westpreußen ist nicht mehr.

Dreher kann sich selbst nicht an die Vertreibung erinnern. Als sie 1945 mit ihrer Mutter aus Westpreußen flieht – nach Dahlem zuerst, dann weiter in den Westen Deutschlands – ist sie erst neun Monate alt. Doch obwohl sie mehrere hundert Kilometer entfernt vom Ufer der Weichsel aufwächst, abgeschnitten vom Land ihrer Eltern und Großeltern, ist das Verlorene stets in ihrem Leben. Immer wieder erzählt die Mutter ihrer Tochter von der Heimat, die für sie nicht in der Bundesrepublik liegt. Sie kauft eine Landkarte von Westpreußen und hängt sie ins Treppenhaus. Jeden Tag geht Sibylle Dreher als Kind daran vorbei, sieht die Bucht, den Strom, liest die alten Namen und wird so an ihre Heimat herangeführt, die jetzt in einem anderen Land liegt, hinter dem Eisernen Vorhang, in einer fremden Welt.

Ihres geistigen Lebensmittelpunkts beraubt wird Dreher zur Nomadin, zur „Getriebenen“, wie sie es ausdrückt. Sie hat 15 verschiedene Wohnorte in 55 Jahren, an keinem bleibt sie lange. In den frühen 70er Jahren geht sie zum Studieren und Arbeiten in die USA, nach Nebraska. Dort, wo die Landschaft – Prärie, Felder und sanfte Hügel – kein Ende zu haben scheint, wo der 1600 Kilometer lange Platte River von West nach Ost mäandert, fühlt sie sich wohl, ohne genau zu wissen, warum. Zurück in Deutschland zeigt sie ihrer Großmutter Fotos der Reise. „Das sieht ja aus wie in der Heimat“, sagt die, und Dreher versteht. Vererbtes Vermissen.

Und weil sie weiß, wie es ist, ohne Rückweg in einem anderen Land anzukommen, fühlt sie auch Mitleid mit den Flüchtlingen, die es heute nach Deutschland verschlägt, aus Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt, die sich ein Leben jenseits von Verfolgung und Armut erhoffen. Auf eine Stufe setzen aber will sie sich nicht mit ihnen, das sei ja schon etwas anderes, sagt sie: andere Kultur, anderer Glaube. Trotzdem seien die Erfahrungen ähnlich. Oft geht sie deshalb in ein Flüchtlingsheim in ihrer Nähe, um den frisch Angekommenen Spenden vorbei zu bringen. Gerade habe sie wieder etwas gesammelt, ein paar alte Kleidungsstücke und Schuhe ihres Mannes, gerne dürfe man sie begleiten, wenn sie diese dort abliefere.

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