Berlin : VERWALTUNG U–BAHN TRAM BUS Experten: BVG muss Angebot um ein Drittel reduzieren

Desolate Haushaltslage führt nach Prognosen zu erheblichen Einschränkungen bei den Fahrten von Bahnen und Bussen

Klaus Kurpjuweit

LEISTUNGEN EINSCHRÄNKEN, PERSONAL ABBAUEN – WOHIN STEUERT DIE BVG?

Abspecken soll vor allem die zentrale Verwaltung. Von etwa 1300 Mitarbeitern sollen nach derzeitigem Stand 619 übrig bleiben. Diese Zahl sei allerdings willkürlich berechnet worden, um eine vorgegebene Kosteneinsparung zu erreichen, bemängelt Uwe Nitzgen, der Gesamtpersonalratsvorsitzende der BVG. Eine exakte Personalbedarfsplanung habe es nicht gegeben. Ähnlich kritisiert Frank Bäsler von der Gewerkschaft Verdi diesen Plan „Verwaltung 500“. So lange man nicht wisse, welche Leistung die BVG in Zukunft bieten werde, könne man sich auch nicht auf eine Zahl für die erforderlichen Mitarbeiter festlegen. Zudem sei es falsch, nur auf die Personalkosten zu starren. Der Verlust der BVG werde auch durch andere Faktoren beeinflusst.

Für den Betrieb der U-Bahn setzt die BVG insgesamt 3002 Mitarbeiter ein. Das Netz besteht aus neun Linien am Tag; am Wochenende gibt es auf den meisten Linien einen durchgehenden Betrieb. Vor kurzem hat die BVG beschlossen, für die Linien U 1 bis U 4 insgesamt 21 neue Züge im Gesamtwert von etwa 80 Millionen Euro zu bestellen. Neue Strecken soll es zumindest vorläufig nicht geben. Den bereits begonnenen Weiterbau an der U 5 vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof hat der Senat gestoppt - um Geld zu sparen.

Bei der Straßenbahn sind derzeit 1713 Mitarbeiter (einschließlich Verwaltung) beschäftigt. 28 Linien sind am Tag unterwegs. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember sollen es weniger werden. Das 187,7 Kilometer lange Streckennetz der Tram wird seit Jahren aufwändig saniert. Die alten Fahrzeuge wurden modernisiert, fast 150 Bahnen wurden neu angeschafft. Der Bau weiterer Strecken ist geplant.

Die meisten Mitarbeiter werden im Busbereich beschäftigt – 4359. Rund 160 Linien setzt die BVG derzeit ein, Noch beträgt der Haltestellenabstand durchschnittlich 514 Meter. Geht es nach dem Willen der Planer, die das Angebot einschränken wollen, können es bis zu 1000 Meter werden, ehe der Bus wieder stoppt. Auch die meisten Mitarbeiter des Tochterunternehmens Berlin Transport steuern einen Großen Gelben. Von den insgesamt bei Berlin Transport beschäftigten 1150 Fahrern werden nur jeweils 100 bei der Straßenbahn und der U-Bahn eingesetzt. Beim Bus ist mit großen Einschränkungen zu rechnen.

Die Unternehmensberatungsfirma Lexington, die von der BVG engagiert worden ist, erwartet, dass der Verkehrsbetrieb sein Angebot in den nächsten Jahren um fast ein Drittel einschränken wird. Bahnen und Busse werden auf zahlreichen Linien gar nicht mehr, auf anderen dann seltener fahren. Beim Bus müssen die Kunden damit rechnen, dass die Abstände zwischen den Haltestellen vergrößert werden, so dass sich die Wege verlängern. Erste, noch verhältnismäßig geringe Einschränkungen des Angebots soll es im Dezember vor allem beim Bus und bei der Straßenbahn geben.

In einem dem Tagesspiegel vorliegenden Papier der Unternehmensberatung heißt es, es sei zu erwarten, „dass aufgrund der angespannten Haushaltslage des Landes Berlin das Leistungsangebot der BVG in ganz erheblichem Umfang reduziert wird“. Dies müsse zu einem weiteren Personalabbau führen. Als Berater der Firma Lexington arbeitet unter anderem der ehemalige ÖTV-Chef Kurt Lange (siehe Porträt), der einst für die BVG-Mitarbeiter einen Tarifvertrag ausgehandelt hatte, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Auch der frühere BVG-Bus-Chef Rainer Lawerentz gehört zum Beraterteam.

Die BVG, die der damalige Verkehrssenator Herwig Haase (CDU) Anfang der 90er Jahre noch als „größten Sanierungsfall der Welt“ bezeichnet hatte, muss ihre Kosten drastisch senken, wenn sie überleben will. Noch ist nicht sicher, in welcher Form sie sich dem Wettbewerb stellen muss. Sehr wahrscheinlich wird der Senat aber in Zukunft zunächst Buslinien europaweit ausschreiben. Für den Betrieb können sich dann andere Unternehmen bewerben. Bisher hat die BVG einzelne Linien direkt an Privatfirmen vergeben, die dort dann im Auftrag der BVG fahren.

Derzeit sind die Kosten der BVG aber noch so hoch, dass sie im freien Wettbewerb nicht bestehen würde. Auch die Bahn AG hat deshalb bereits Strecken an billigere Konkurrenten verloren. Unter Druck steht die BVG aber auch durch den Senat. Nach dem mit der Landesregierung vereinbarten Unternehmensvertrag werden die Zuschüsse bis 2007 erheblich verringert. Sie sinken von derzeit 420 Millionen Euro im Jahr auf dann „nur“ noch 318 Millionen Euro. Da das Land bereits seit Jahren den Verlust der BVG nicht mehr voll ausgleicht, hat das Unternehmen inzwischen einen Schuldenberg in Höhe von fast einer Milliarde Euro angehäuft. Für die Rückzahlung aller Kredite muss der Senat geradestehen, wenn die BVG im Wettbewerb untergehen sollte.

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