Berlin : Vesper mit Telemann

Nach der Abendandacht in Nikolskoe erklingen die Glocken

Claudia Keller

Von der Straße aus sieht man als erstes die Apsis von St. Peter und Paul in Nikolskoe terrakottarot durch die Bäume leuchten. Kurz fühlt man sich in eine mediterrane Landschaft versetzt – und ist doch am Wannsee. Vom Kircheneingang schaut man auf Segelboote, ein Ausflugsdampfer fährt vorbei.

An der Balustrade steht eine Frau aus Marienfelde. Sie komme oft hierher, sagt sie, am Sonnabend um 17 Uhr, zur musikalischen Vesper. Für sie sei das die ideale Alternative zur Sonntagsmesse. Sie genießt die Musik und mag es, wie Pfarrer Claus Marcus zwischendurch aus der Bibel liest. Dass es bei der Vesper in Nikolskoe keine Predigt gibt, stört sie überhaupt nicht. „Da muss ich mir nicht dieses weinerliche Zeug anhören.“

Die Vesper stammt aus dem Barock und bezeichnete einen musikalischen Gottesdienst mit Lesungen, der früher einmal bis zu zwei Stunden dauern konnte. In der evangelischen Kirche ist es an diesem Sonnabend nur eine gute halbe Stunde. Am Anfang steht die A-Moll-Sonate von Georg Philipp Telemann mit Violine und Cembalo. Während die Ohren sich auf die melancholische Barockmelodie konzentrieren, schweifen die Augen zu dem alten Holzgestühl, den Medaillons mit den Evangelisten, den Arabesken in den Fenstern und den Engeln, die ihre Köpfchen von den Kuppeln des Chores und von der Kanzel herunterstrecken.

Dann liest Pfarrer Claus Marcus aus dem Lukas-Evangelium die Geschichte vom Fischzug des Petrus. Darin predigt Jesus auf dem Wasser und lockt die Fische an. So bescheren seine Worte den Fischern, darunter auch Simon Petrus, reiche Beute. Die Macht von Jesus ängstigt Petrus. Jesus aber antwortet: „Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen.“

Statt der Predigt geht es weiter mit Teilen aus der E-Dur-Sonate von Johann Sebastian Bach. Anschließend spricht Pfarrer Marcus Fürbitten, die Karmeliterinnen zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer vom 20.Juli formuliert haben: Ihr Beispiel möge alle stärken, die sich einsetzen für die Ausgeschlossenen, die gegen Unrecht kämpfen und Hass überwinden.

Das Adagio aus der Telemann-Sonate klingt noch nach, da öffnen sich wieder die Türen und helles Nachmittagslicht kommt herein. „Es war so kurz“, sagt die Marienfelderin. Deshalb wartet sie noch das Glockenspiel ab, das wie zu jeder vollen Stunde auch um 18 Uhr zu hören ist.

„Wie schön müsste es sein, wenn die Abendstille von Glockengeläut durchtönt werde“, dachte Prinzessin Charlotte von Preußen und spätere Zarin, und wünschte sich eine Kirche in Nikolskoe. Sie hatte Recht. Ihr Vater, König Friedrich-Wilhelm III. erfüllte ihr den Wunsch.

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