Berlin : Video-Museum: Eine Vision fürs Tempodrom

Die Trägerstiftung will sich zwischen zwei Kaufinteressenten entscheiden – der eine ist ein britischer Filmsammler

Cay Dobberke

Für den Kauf des Tempodrom sind nur noch zwei Bewerber in der engeren Wahl, von denen einer die Veranstaltungsarena am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg völlig anders als bisher nutzen will. Der Brite Anthony Roland, der eine der weltgrößten Video- und Filmsammlungen über Kunst besitzt, plant dem Vernehmen nach ein „Videoclip-Museum“. Ein Sprecher der Roland Collection bestätigte Verhandlungen mit dem Tempodrom-Stiftungsrat. Einzelheiten zu dem Projekt könne man aber noch nicht nennen, weil beide Seiten strikte Vertraulichkeit vereinbart hätten.

Als zweiter Bewerber um das Tempodrom ist der Betreiber des hauseigenen Liquidrom-Bads, Klaus Dieter Böhm, im Rennen geblieben. Ihm gehört auch eine Therme in Thüringen. Böhm sagte auf Anfrage, von der Idee des Briten gehört zu haben. Er wisse allerdings nicht, ob das Videomuseum das ganze Gebäude füllen solle. Die Auswirkungen auf den Veranstaltungsbetrieb seien daher unklar. Die britische Sammlung umfasst mehr als 640 Filme und Videos aus 25 Ländern, von denen einige bei internationalen Festivals preisgekrönt wurden. Viele der Werke sind Künstlerporträts – zum Beispiel über Rembrandt.

Die „Stiftung Neues Tempodrom“ beriet am Donnerstag auf einer ihrer regelmäßigen Sitzungen über den geplanten Verkauf. Ergebnisse waren bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren. Kaufinteressent Böhm erwartete, dass die Museumspläne seines britischen Mitbewerbers bald dem Senat vorgestellt werden sollen. Vor kurzem hatte der Stiftungsratsvorsitzende Torsten Griess-Nega angekündigt, man wolle bis zum Jahresende einen Käufer auswählen. Tempodrom-Gründerin Irene Moessinger sagte gestern, sie kenne das Konzept von Anthony Roland nicht und nehme an den Verkaufsverhandlungen weiterhin nicht teil. Zugleich bekräftigte sie, der Veranstaltungsbetrieb sei erfolgreich und nicht defizitär.

Verschuldet ist die Trägerstiftung aber noch wegen der Kostenexplosion bei dem Ende 2001 eröffneten, zeltförmigen Neubau. Die Baukosten waren mit rund 30 Millionen Euro doppelt so hoch wie geplant ausgefallen. Nach mehreren Finanzspritzen hatte das Abgeordnetenhaus im Februar einen weiteren Zuschuss von 900 000 Euro abgelehnt. Die zeitweilig drohende Insolvenz konnte bis jetzt vermieden werden. Bei einer Pleite würde eine Landesbürgschaft in Höhe von 12,8 Millionen Euro fällig. Baufirmen haben jedoch auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichtet und Zahlungsaufschübe gewährt.

Der Liquidrom-Betreiber Böhm betonte, sein Kaufangebot sehe die Fortsetzung des „bewährten“ Veranstaltungskonzepts von Irene Moessinger vor. Er wollte als Kaufpreis ursprünglich nur 2,5 Millionen Euro zahlen, während der Stiftungsrat mindestens fünf Millionen Euro verlangte. Inzwischen „biete ich ein bisschen mehr“, sagte Böhm, ohne die genaue Summe zu nennen. Der Unternehmer lockt nicht nur mit Geld. Im Goethepark in Weimar gehört ihm das einstige Gartenhaus des Dichters. Zusammen mit dem Tempodrom will er das historische Gebäude in eine neue Kulturstiftung einbringen.

Zu den Bewerbern um das Tempodrom, mit denen nicht mehr verhandelt wird, gehören der Betreiber der Veranstaltungshalle „Hangar 2“ auf dem Flughafen Tempelhof und die Chefs der benachbarten Columbiahalle. Letztere hatten mitgeboten, um zu verhindern, dass ein Konkurrent die Arena am Anhalter Bahnhof zum „Schleuderpreis“ bekommt.

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