Berlin : Vier Erschossene in nur fünf Tagen

CHRISTOPH STOLLOWSKY

BERLIN .Tödliche Schüsse vor einer Kreuzberger Kneipe, Bluttat mit Pistole in einem Park in Zehlendorf und nun zwei offenbar kaltblütig erschossene Opfer in Wilmersdorf: Alleine in den vergangenen fünf Tagen wurden vier Menschen in Berlin von Unbekannten mit Feuerwaffen ums Leben gebracht.Die jüngste Tat ereignete sich in der Nacht zum Dienstag in einer Wohnung an der Kunostraße.Als die Polizei dort eintraf, fand sie einen Russen und eine Ukrainerin mit tödlichen Einschüssen am Boden.Seit Jahresbeginn gab es damit schon vierzehn Fälle in Berlin, bei denen Täter ihre Opfer mit Schußwaffen verletzten oder töteten.Nach Einschätzung der Kripo ist dies auch eine Folge des wachsenden schwarzen Marktes für Pistolen und Gewehre.Sie lassen sich leichter denn je illegal erwerben.

Die tödlichen Schüsse in Wilmersdorf geben den Ermittlern noch Rätsel auf.Nach ersten Ermittlungen der 1.Mordkommission gehörte die Tatwohnung im fünften Stock eines Mietshauses dem 42jährigen Russen Andrai Khalaidovski.Er wurde gemeinsam mit der 33jährigen Ukrainerin Viktoriya Sushchenko umgebracht.Bisher hat die Kripo keinerlei Hinweise, in welchen beruflichen Kreisen die Opfer verkehrten.Auch Spuren, die auf Streitigkeiten unter Banden hinweisen, liegen nicht vor.Nun hoffen die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Vergleicht man die Polizeistatistiken von 1997 und 1998, so ging der Einsatz von Schußwaffen bei Mord- und Tötungsdelikten sowie Raubüberfällen um wenige Prozent zurück.Doch nach Einschätzung des Leiters der Waffenuntersuchungsstelle des Landeskriminalamtes (LKA), Wolfgang Horn, gibt es seit der Wende eindeutige Zusammenhänge zwischen dem erleichterten illegalen Waffenerwerb und einem längerfristigen Anstieg der Zahl von Tötungsdelikten durch Schußwaffen im Vergleich zu 1990 / 91.Laut Horn werden seit dem Mauerfall auf dem schwarzen Markt meist Pistolen und Gewehre aus Osteuropa angeboten.Insgesamt habe sich der verbotene Waffenbesitz stark erhöht, schätzt der Erste Kriminalhauptkommissar.

Exakte Zahlen liegen naturgemäß nicht vor, doch Horn belegt seine These mit der eigenen Statistik: Danach untersucht seine Abteilung zur Zeit im Jahr rund zweitausend Gewehre und Pistolen, vor der Wende waren es alleine für West-Berlin knapp halb soviele.Auf seinen Tisch kommen jeweils zur Hälfte Schreckschußpistolen und scharfe Waffen, die wegen illegalen Besitzes eingezogen oder nach Taten beschlagnahmt wurden.Dieser Anstieg, meint Horn, übertreffe bei weitem den erwarteten Zuwachs durch die Vereinigung der Stadt.

Illegale Waffen besitzen laut Kripo zum einen Banden, die "mit der Knarre im Gepäck" beispielsweise aus Rumänien oder Rußland einreisen; zum anderen rüsten sich auf dem schwarzen Markt offenbar zunehmend auch kleinere deutsche und ausländische Ganoven auf.Sie wohnen fest in Berlin, ziehen ihren Revolver oft bei geringfügigem Streit oder Überfällen und haben es nicht mehr nötig, Schreckschußpistolen zu scharfen Waffen umzubauen."Das wurde früher eifrig praktiziert, weil gefährlichere Waffen schwer erhältlich waren", sagen Experten.

Diese Entwicklung und die sinkende Hemmschwelle beim Einsatz von Schußwaffen dokumentiert auch eine Gerichtsverhandlung vom gestrigen Dienstag, bei der ein 20jähriger Türke zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde.Er hatte 1998 in Kreuzberg als Fahrer ohne Vorwarnung auf Fußgänger geschossen, weil sie die Straße überquerte und ihn zum Anhalten zwangen.

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