Berlin : Vier Kindern droht die Abschiebung

Nächste Woche will die Ausländerbehörde die Geschwister nach Sarajewo ausweisen – in ein Heim

Claudia Keller

Nächste Woche beginnen die Ferien. Dajana, Milan, Angelina und Dusko Vasic freuen sich dieses Jahr allerdings gar nicht darauf. Geht es nach der Berliner Ausländerbehörde, sitzen die Vier am 7. Juli im Flugzeug nach Sarajewo – und das ist kein Urlaubsflug, sondern einer ohne Rückkehrmöglichkeit.

Aus Sarajewo war der Großvater der vier Kinder vor 22 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, die Eltern folgten 1991 – illegal. Dajana war damals gerade geboren. Milan (14), Angelina (12) und Dusko (9) sind in Berlin auf die Welt gekommen. Danach lief so ziemlich alles schief in der Familie.

Während der Großvater als Fernfahrer arbeitete, eine Deutsche heiratete und eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekam, durften sein Sohn aus erster Ehe und seine Schwiegertochter mit ihren Kindern nicht bleiben. Der Asylantrag wurde abgelehnt. Ende der 90er Jahre trennte sich das Paar. 2003 einigte sich Hanusa Vasic mit dem Land Berlin darauf, dass sie und die Kinder freiwillig ausreisen. Sie taten es aber nicht. So wurde Hanusa Vasic vergangenes Jahr alleine abgeschoben, die Kinder sollten bis zum Ende des Schuljahres hier beim Großvater bleiben dürfen. Das Schuljahr geht am Dienstag zu Ende.

Im Flur des Hauses in Neukölln, in dem der Großvater, 58 Jahre alt, Anzughose, T-Shirt, mit seinen vier Enkeln lebt, liegen Bierflaschen. Das Glas in der Haustür fehlt. „Ich möchte nicht noch einmal einen Winter hier verbringen“, sagt er in gutem Deutsch. Es ist ihm peinlich, dass er unter solchen Umständen leben muss. Er ist mittlerweile arbeitslos. Das Ersparte aus dem Fernfahrerdasein ist aufgebraucht, die kleine Witwenrente, die er seit dem Tod seiner Frau bekommt, reicht nicht. Er bekommt Sozialhilfe und Kindergeld. Alles, was er hier hat, sein ganzer Stolz, sind die vier Enkel. Ich tue alles, damit sie hier bleiben dürfen, sagt er.

Wo sollten sie auch hin? Die Mutter der Kinder, die schon vor ihrer Abschiebung wegen psychischer Probleme in ärztlicher Behandlung war, ist verschollen. Das Letzte, was sie von ihr hörten, war ein Fax aus Bosnien im Februar 2005, in dem sie dem Großvater das Sorgerecht der Kinder erteilte. Die Ausländerbehörde empfiehlt allerdings statt der großväterlichen Obhut ein Kinderheim in Sarajewo.

„Wir wollen bei Opa bleiben“, sagt Angelina, „wir kennen in Sarajewo doch niemanden.“ „Wie kann man so etwas nur machen“, sagt Hans Beeten. Er ist Angelinas Klassenlehrer. Hier hätten die Kinder Bezugspersonen, der Großvater kümmere sich rührend, komme zu den Elternabenden. „Gerade hier in Neukölln wünschen wir uns mehr solche Schüler und Eltern.“ Angelina gehöre zu den Besten in der Klasse, wenn sie so weiter mache, hätte sie gute Chancen, werde sie sicher einen guten Beruf bekommen. Beeten hat einen Brief an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses geschrieben, um gegen die Abschiebung zu intervenieren. Auch die Lehrer der Geschwister finden viel Lob. Die Kinder seien voll integriert, fleißig und würden keine Probleme bereiten. Dusko ist mit seinen neun Jahren zwar erst in der ersten Klasse. Hanusa Vasic hatte ihn nicht früher in die Schule gegeben. Aber er bemüht sich aufzuholen, sagt der Großvater.

Die Innenverwaltung hingegen sieht „keine besondere Härte, wenn die Kinder Deutschland verlassen müssen“. In ihrem Alter hätten sie noch eine Chance, sich zu Hause einzuleben, sagt die Sprecherin von Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Und im Übrigen: Wenn dem Großvater so viel am Wohl der Kinder liege, könne er ja mit ihnen zusammen nach Sarajewo zurückkehren.

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