Vivantes-Klinikum Friedrichshain : Blut, Schweiß und Kameras

Bei Vivantes werden Geburten gefilmt - und als Dokusoap aufbereitet. Die Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender RTL sorgt für Gesprächstoff. Der Berliner Gesundheitssenator und der Datenschutzbeauftragte sind empört.

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Vom Mutterbauch ins Fernsehen? In einer Berliner Klinik Realität.
Vom Mutterbauch ins Fernsehen? In einer Berliner Klinik Realität.Foto: dpa

Die einen nennen es „geschmacklos“, die anderen „authentisch“ – und der Berliner Datenschutzbeauftragte findet es „höchst problematisch“. Im Vivantes-Klinikum am Friedrichshain werden Geburten von RTL-Kameras gefilmt. In einem begrenzten Teil der Entbindungsstation zeichnen in Kreißsaal und Krankenzimmern in diesen Tagen 27 installierte Kameras das Geschehen auf. RTL dreht für das neue Format „Babyboom – Willkommen im Leben“, die Sendetermine stehen noch nicht fest.

Die landeseigene Klinikkette Vivantes versichert, dass die werdenden Eltern, Hebammen und Ärzte nur gefilmt werden, wenn sie sich ausdrücklich dazu bereit erklären. Die Mütter unterschreiben dazu eine „Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht“. Alexander Dix, seit 2005 Berliner Datenschutzbeauftragter, fordert dennoch eine Stellungnahme von Vivantes: Können die Mütter jederzeit den Dreh abbrechen lassen? Bekommen sie das Material vor der Ausstrahlung zu sehen? Und ist sicher, dass niemand in einem Raum behandelt werden muss, der gefilmt wird, etwa weil die anderen Zimmer gerade belegt sind? Unklar ist auch, inwiefern die Rechte der Kinder beeinträchtigt werden. Juristen sind sich nicht sicher, ob Eltern ihr Kind in dieser Lage filmen lassen dürfen, zumal die Aufnahmen ein Leben lang existieren könnten. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) teilte mit, er sehe Rechte und Intimsphäre des Kindes in Gefahr.

Bei Vivantes gibt man sich gelassen. Der Vorgang ist zwar ungewöhnlich, weil in Kliniken strenge Regeln bestehen, was Datenschutz und Privatsphäre betrifft. Man habe das Angebot von RTL aber ausführlich mit Mitarbeitern, Rechtsabteilung und Betriebsrat besprochen. „Wer nicht gefilmt werden will, kann das jederzeit sagen“, sagte eine Vivantes-Sprecherin. Weder Patienten noch Beschäftigte würden unwissentlich aufgenommen. Durch die Installation der Kameras werde der Alltag so authentisch wie möglich dargestellt, nur ausnahmsweise werde ein mobiles Filmteam eingesetzt.

Patienten und Besucher sagten am Montag nur wenig: „Für mich persönlich wäre es nichts. Aber wenn sich jemand dazu bereit erklärt, finde ich es okay“, sagte eine junge Mutter. Zwei andere Besucherinnen finden es grundsätzlich problematisch, Frauen bei der Geburt zu filmen. „Und ansehen würde ich es mir auch nicht“, sagte eine der beiden.

„Ich hätte davon abgeraten“, sagt Heiko Thomas, Gesundheitsexperte der Grünen. Das Filmen sei auch Ausdruck der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, die Doku solle schließlich Werbeeinnahmen generieren. Und bald könnte ein noch brisanteres Format gesucht werden, sagt Thomas: „Sind wir irgendwann beim Sterben dabei?“

Vorbild ist wohl die britische Erfolgssendung „One Born Every Minute“. Klinikintern erhofft man sich von der Dokumentation einen Werbeeffekt. Der Konzern bekommt für die Dreharbeiten kein Geld von RTL. Die Doku über die Geburten werte man als „Art des Journalismus“.

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